Friktionen
Eine Ethnografie globaler Verflechtungen

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN
9783751820349
Gebunden, 479 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Der Regenwald im Meratusgebirge auf Borneo verändert seit 1970 grundlegend seine Gestalt: Holz und die natürlichen Ressourcen seiner Böden werden auf dem internationalen Markt verkauft, um Schulden zu begleichen und sich zu bereichern. Nationale und globale, individuelle und universelle Interessen überlagern sich: Korrupte Provinzbehörden machen gemeinsame Sache mit japanischen Investoren, javanesische Einwanderer verdrängen autochthone Waldbewohner. Doch auch zum Schutz des Waldes formieren sich breite Allianzen, Studenten aus der Hauptstadt treffen auf engagierte Dorfbewohner, internationale Aktivisten und Naturliebhaber. In Borneo, an einem Ort, der beispielhaft ist für eine globalisierte Welt, offenbart sich, dass aus vielfältigen und widersprüchlichen sozialen Interaktionen, die unsere heutigen Lebensrealitäten ausmachen, ebenso zukunftsträchtige wie monströse Kulturformen entstehen können.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 12.04.2025
Rezensentin Renate Kraft schätzt Anna Lowenhaupt Tsings Buch, in dem "ethnografische Detailbeobachtung und Theoriebildung" auf für sie überzeugende Weise zusammenlaufen: Es geht um den konkreten Fall eines erfolgreichen Protests gegen die Abholzung des Regenwalds in Borneo um die Jahrtausendwende. Ausgehend von diesem Fall entwickelt die amerikanische Anthropologin eine postkolonialistisch ausgerichtete Theorie, die sich um sogenannte "Friktionen" herum organisiert: also um Prozesse der Reibung und des Widerstands, erklärt Kraft. Wie Tsing aus ihrer Expertinnenposition - sie selbst hat sehr enge Beziehungen zu verschiedenen Gruppen von Indigenen, insbesondere zu den Meratus-Dayak - über deren Weise der Waldbewirtschaftung aufklärt und sich dafür einsetzt, findet Kraft lobenswert und vor allem "begründet". Sie lernt viel über die Vergangenheit der Region, über die Vorteile nationaler Plattformen oder über "reisendes Wissen" und lobt die auch mal "humorvoll-kritische, aber immer respektvolle" Haltung Tsings. Ein wichtiges und hoffnungsvolles Buch, schließt Kraft.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Mit Gewinn liest Rezensent Karl-Heinz Kohl dieses Buch, in dem die Ethnologin Anna Lowenhaupt Tsing eine Bilanz ihrer Forschungsarbeit zieht, die sie vor allem in die Regenwälder Indonesiens geführt hatte. Als zentraler theoretischer Begriff erweist sich dabei laut Kohl die titelgebende "Friktion" - als solche fasst Lowenhaupt Tsing die Reibungen diverser Interessensgruppen und Praktiken, die ständig neue und auch überraschende Ergebnisse hervorbringen. Die Stärken des Buches liegen freilich nicht in der nicht immer trittsicheren Theoriearbeit, findet der Rezensent, sondern in den erzählerischen Passagen. Ganz besonders da, wo sich die Autorin den indigenen Dayak widmet und darstellt, wie sie keineswegs bloß passive Opfer westlicher Goldsucher und Regenwaldabholzer sind, sondern mit den Neuankömmlingen Geschäfte machen und sich unter Umweltschützern und Abenteuertouristen Verbündete suchen. Leicht zu lesen ist dieses Buch nicht immer, so Kohl, aber alles in allem lohnt sich die Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025
Rezensent Cord Riechelmann ist begeistert nicht nur vom Manifesten Inhalt dieses Buches der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, sondern auch von der Art und Weise, wie in ihm Theorie und Praxis in einem ständigen, neue Erkenntnisse fördernden Konflikt stehen. Was den Inhalt betrifft, so geht es, erläutert Riechelmann, um Regenwälder in Indonesien, die in den 1980ern und 1990ern von der Holzindustrie ausgebeutet zu werden beginnen, wogegen sich nur langsam Widerstand formiert. Riechelmann zeichnet mit Lowenhaupt Tsing unter anderem nach, wie eine Widerstandsbewegung gegen die Rodungen nur deshalb einigermaßen erfolgreich sein konnte, weil sie sich an antikommunistischen Umweltschutzkämpfern in der Sowjetunion orientierte, was in Indonesien selbst politisch vorteilhaft war. Solchen Konstellationen, die Geopolitik und lokale Ökologe überraschend miteinander in Beziehung setzen ist dieses Buch auf der Spur, meint Riechelmann, außerdem leistet es in der Beschreibung der Naturzerstörung in den indonesischen Regenwäldern schlichtweg Pionierarbeit und exemplifiziert nicht zuletzt den Wert wissenschaftlicher Feldstudien. Denn es ist eben ganz und gar nicht klar, was passiert, lernt Riechelmann von Lowenhaupt Tsing, wenn verschiedene Modi der Naturbegegnung aufeinander treffen, man muss schon hingehen und es sich anschauen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 10.03.2025
Rezensent Tom Schimmeck freut sich, ein neues Buch der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing lesen zu können: Sie befasst sich mit den "Friktionen", also den Reibungen, die Neues schaffen, insbesondere im Meratus-Gebirge in Indonesien. Dort treffen Einheimische auf Kapitalisten, Kohlearbeiter auf Kohlebosse, Holzfäller, "Glücksritter" auf "Mütter und Militärs". Die Welt der indigenen Meratus Dayak, die in den Wäldern Weizen und Obst anbauen, kollidiert mit der Profitgier jener, die Tropenholz, Kautschuk, Kohle oder Gold abbauen wollen. Von den verheerenden Auswirkungen des Raubbaus erzählt Lowenhaupt einerseits, andererseits führt sie mit assoziationsreicher Sprache vor Augen, dass trotz Abholzung und Villen-Bau immer noch "viel Natur und Leben" vorhanden ist. Mit einer gelungenen Mischung aus "aus Theorie, teilnehmender Beobachtung, Anekdote" und subtilem Humor, macht sie die weit verzweigten Gedankengänge gut nachvollziehbar, findet Schimmeck, der mit diesem Buch die komplizierte Welt ein bisschen besser verstehen kann.