Für viele Deutsche war der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine der Anlass, diesen zweitgrößten Flächenstaat Europas erstmals als Akteur in der europäischen Geschichte wahrzunehmen. Doch für die Ukrainer ist dieser Konflikt nur der vorläufige Höhepunkt in einer langen Reihe von Versuchen, ihr Land als selbstständiges Staatswesen auf die Landkarte zu bringen. Anna Veronika Wendland entfaltet in diesem Buch, so kenntnisreich wie thesenstark, das gesamte Panorama der ukrainischen Geschichte von den Anfängen im mittelalterlichen Kyjiw über die frühneuzeitlichen Staatsbildungsversuche bis hin zu den katastrophalen Erfahrungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Kriege und Gewalt spielten in der immer wieder unterbrochenen Nationsbildung der Ukraine eine genauso prägende Rolle wie die friedlichen Phasen des Sich-Arrangierens mit den Nachbarn oder sogar des Profitierens von der Oberherrschaft des russländischen Imperiums oder der Sowjetunion. In diesem Wechselspiel entwickelten die Ukrainer ihre spezifischen Verfassungstraditionen und Freiheitsvorstellungen - und wurden so von einem Bauernvolk unter fremden Herren zu einer modernen, pluralistischen Industrienation, die sich heute ihrer Haut in einem Krieg gegen die Atommacht Russland erwehrt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.10.2023
Die Lektüre dieses Buchs über den Befreiungskampf der Ukraine lohnt sich, findet Rezensent Christian Thomas, auch wenn er im Detail einige nicht allzu präzise formulierte Einwände hat. Ziel des Buchs ist eine Analyse des 1200 Jahre umspannenden Verhältnisses zwischen Russland und der Ukraine, führt Thomas aus, und zwar in einer Weise, die letztere nicht bloß als passives Opfer, sondern als Trägerin von Handlungsmacht darstellt. Widerlegt werde dabei unter anderem Henfried Münklers These, die Zeit der Stellungskriege sei vorbei, außerdem beschäftige sich die Autorin mit der historischen Rolle der ukrainischen Landschaft. Die chronologische Darstellung reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück, wobei Thomas die derart weit zurückreichende Ursprungserzählung nicht recht glauben will. Danach gibt es über die Jahrhunderte jede Menge Mord und Totschlag, erfahren wir, ein Vertrag mit Russland aus dem Jahr 1654 biete bis heute Anlass für Konflikte, später emanzipiert sich die Ukraine als eine "dramatisch verspätete Nation" (Zitat Thomas). Der Rezensent, der sich immer mehr im Nacherzählen verliert, scheint das Buch jedenfalls mit Gewinn gelesen zu haben.
Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…