Leben wir in einem Land, in dem, wer reich ist, das Gesetz nicht fürchten muss? Anne Brorhilker, die als Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Köln jahrelang die Cum/Ex-Ermittlungen geleitet hat, kennt das komplexe Verhältnis zwischen Wirtschaftskriminalität und Justiz. Hier schildert sie erstmals ihre erstaunlichen Erfahrungen mit der Finanzelite, blickt hinter die Kulissen der Großbanken und entlarvt die Selbstgefälligkeit vieler Steuerhinterzieher: Weshalb war die Aufklärung trotz jahrelanger Ermittlung und auch zahlreicher Urteile so mühsam? Warum tut sich der Staat so schwer, die Milliarden zurückzufordern? Geld, das den ehrlichen Steuerzahlern zusteht?
Ein wichtiges Buch über einen großen Skandal hat Anne Brorhilker in den Augen der Rezensentin Katja Scherer geschrieben. Als Oberstaatsanwältin war Brorhilker mit der Aufarbeitung der Cum/Ex-Geschäfte, mithilfe derer Banken und Investoren den Staat um Steuereinnahmen in eklatanter Höhe betrogen, befasst, jetzt hat sie ein Buch über die Affäre geschrieben. Scherer lernt, dass die Behörden die komplexe Rechtslage um Cum/Ex oft dadurch umschifften, dass sie Verfahren gegen zu geringe Geldzahlungen einstellten. Sowohl die Finanzwelt als auch die Behörden kommen schlecht weg bei Brorhilker, berichtet Scherer, insbesondere in Hamburg waren die Beamten wenig willig, aktiv gegen den Betrug vorzugehen, was durchaus auch dem früheren Ersten Bürgermeister Olaf Scholz und vor allem seinem Finanzsenator Peter Tschentscher anzulasten ist. Die Rezensentin hat durchaus auch Kritikpunkte an dem Buch, das sich teils zu sehr in Kleinigkeiten verliebt und die Autorin selbst in allzu günstigem Licht dastehen lässt. Als eine kenntnisreiche Darstellung behördlicher Vorgänge, die auf eine Forderung nach mehr Transparenz und auch eine Bündelung des Kampfes gegen Steuerhinterziehung auf der Ebene des Bundes hinausläuft, ist die Veröffentlichung aber, so das Fazit, unbedingt lesenswert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2025
Rezensent Marcus Jung freut sich über das Buch der früheren Oberstaatsanwältin und heutigen Aktivistin Anne Brorhilker. Den Cum/Ex-Skandal hat die Autorin in vorderster Front miterlebt, wechselte in die Bürgerbewegung und schreibt nun informationsreich und mit Elan über machtlose Ermittler in der Wirtschaftskriminalität, erklärt Jung. Zusammen mit der CO-Autorin Traudl Bünger gelingt es der Autorin laut Jung, Hintergründe zu erhellen und unter Einbezug von Grafiken und zeitlichen Sprüngen sowohl die Causa Cum/Ex zu nachzuvollziehen als auch eine dysfunktionale Verwaltung und das im Rechtswesen herrschende Rollenverständnis von Frauen und Männern zu kritisieren. Schließlich bietet der Band Lösungsvorschläge (mehr Ressourcen und Kooperation!), die Jung einleuchten.
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