Situation und Konstellation
Vom Verschwinden des Spielraums

Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518588338
Gebunden, 247 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. "Stimme zu" / "Stimme nicht zu" - so werden Handelnde zu Vollziehenden. Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2026
Der hier rezensierende Rechtswissenschaftler Christoph Möllers hat einiges auszusetzen am Buch des Soziologen Hartmut Rosa. Gegen gesellschaftliche Regeln haben andere vor Rosa schon gewettert und soziologisch werden Konstellationen und Quantifizierung schon längst debattiert, stellt Möllers fest. Wirklich Neues hat der Autor zum Thema auch nicht zu sagen, findet er. Leider vermittelt Rosa den Forschungsstand nicht, und er schludert begrifflich zudem gehörig, sodass am Ende auch die Beispiele hinken, meckert Möllers. Dabei hätte das Buch durchaus Potenzial, glaubt er. Genaue Begriffe und Beispiele und eine differenzierte Betrachtung von Entwicklungen, etwa im Bereich der Pflege, hätten dieses Potenzial entfalten können, beklagt Möllers.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 14.01.2026
Bekannt geworden mit seiner Theorie der "Resonanz", warnt der Soziologe Hartmut Rosa nun vor dem Verschwinden des individuellen Spielraums in einer überregulierten Moderne, wie Rezensent Günter Kaindlstorfer erklärt. Die zentrale Diagnose lautet, dass Menschen immer häufiger von Handelnden zu "Vollziehenden" werden: vom Zugschaffner über die Ärztin bis zum Fußballschiedsrichter, der auf die "Millimeterentscheidung des Videoassistenten" warten muss. Leben bedeute jedoch "HANDELN", nicht das Abarbeiten von To-do-Listen, sonst drohten Erschöpfung und Entfremdung, so der Kritiker. Rosa erklärt auch den Erfolg von Populisten mit der Sehnsucht nach "Handlungsfähigkeit" und plädiert für die Rückeroberung von Ermessensspielräumen und für "Unverfügbarkeit". Das Buch, lobt Kaindlstorfer, verbindet alltagsnahe Beispiele mit großer Gesellschaftstheorie und spricht LeserInnen an, die die technokratische Gegenwart nicht länger nur "VOLLZIEHEN", sondern wieder gestalten wollen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.01.2026
Die Rezensenten Jonas Hertel und Coraly von Welser können einiges anfangen mit Hartmut Rosas Buch, Kritikpunkte haben sie freilich auch. Worum geht es? Der Starsoziologe unternimmt den Versuch, Problemlagen unserer Gesellschaft mit zwei Begriffen zu Fassen zu bekommen, der Konstellation und der Situation. Konstellationen zeichnen sich durch ein starres Regelwerk aus, das meist gemäß binärer Unterscheidungen funktioniert, Situationen hingegen sind weniger klar definiert, dynamisch gedacht und bedürfen der Initiative des Einzelnen. Das Problem besteht nun darin, so die Kritiker, dass dynamischen Situationen heutzutage allzu oft starre Konstellationen übergestülpt werden, als Beispiel nennt Rosa starr und de facto unmenschlich agierende durchdigitalisierte Servicecenter im Sozialbereich in Dänemark. Aber ähnliche Mechanismen greifen auch in ganz anderen Lebensbereichen, im Kinderzimmer gar - wobei Hertel und Welser kritisch anmerken, dass Rosas Thesen oft kaum empirisch unterfüttert sind, außerdem finden sie es sonderbar, dass diese Kritik der binären Oppositionen selbst mit einer solchen operiert. Gleichwohl fällt das Fazit positiv aus: Rosa bekomme vieles zu fassen von der gegenwärtigen Welt, die uns zwar zahlreiche Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stellt, aber kaum noch die Gelegenheit eröffnet, unsere Urteilskraft zu gebrauchen.