"Berlin in zwei Sätzen: 'I see you' - 'Wir euch ooch.'" Annett Gröschner ist eine Spaziergängerin im Sinne Theodor Fontanes - wandern muss nicht heißen, zu Fuß zu gehen. Es kann auch eine Straßenbahn sein, das Fahrrad, Schwimmen, eine Reise im Kopf oder Wochen im Archiv.Aber immer kreist alles um Berlin, ihre Wahlheimat, ob sie nun über die Gingkobäume in der Humboldt-Universität, die Villa eines Kapitäns in der Fasanenstraße, Kleingärten, Friedhöfe, verlassene Industriegebiete, das Stadion an der Alten Försterei oder die Regionalexpresslinie 4 schreibt. Wenn sie die Palimpseste der Volksbühne entschlüsselt, mit Frau Globisch fliegt, Annemirl Bauer beim Madonnenmalen zuschaut und Gitti Eicke betrauert, einem Gasableser lauscht, eine syrisch-kurdische Dichterin bei ihrer Ankunft in der Stadt begleitet und Paradigmenwechsel bedauert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.07.2020
Es kommt einem vor, als hätte sich Rezensent Ulrich Rüdenauer ein Beispiel genommen an der Haltung der Gelassenheit, die er der Autorin dieses Buches zuspricht. Wie sie durch Berlin unter besonderer Berücksichtigung des Stadtteils Prenzlauer Berg gestreift ist, so wandert er durch ihre Texte, findet hier ein spannendes Thema, das durch Archivarbeit vertieft wurde, und dort einen interessanten Menschen, dessen Geschichte sich anzuhören lohnt. Selbst über eigene Betroffenheit - von Entmietung und Verdrängung aus dem Kiez - ist zu lesen und mit Hoffnung werden die Flüchtlinge von 2015 begrüßt, die den Schichten der Berliner Geschichte eine der "Stadt als Arche" hinzufügt. Ein wenig "melancholisch" ist der Grundton schon, findet der angetane Kritiker, aber das scheint ihm auch angemessen. Eine wirkliche Leseempfehlung!
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 20.04.2020
Sieglinde Geisel ist fasziniert von Annett Gröschners Schlaglichtern auf ein Leben in Berlin. Dass die Stadt in den großteils bereits andernorts veröffentlichten, hier aber wie die Kapitel eines Roman erscheinenden Reportagen und Essays selbst zur schillernden Protagonistin wird, gefällt Geisel. Ohne Verklärung, aber auch nicht ohne eine gewisse Penetranz ist hier von der Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs die Rede, erklärt Geisel. Die treffsicheren, fantasievollen Formulierungen der Autorin geben der Rezensentin Einblick in das Bewusstsein einer "Ostlerin", in die Kleingarten- wie die Volksbühnenkultur oder auch in das Leben der Künstlerin Annemirl Bauer.
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