Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Am 28. Juli 1943 wird Benito Mussolini nach Ponza deportiert. Er hat alles verloren, hegt keine Hoffnung mehr - bis er durch einen Handstreich deutscher Fallschirmjäger befreit und von Hitler an die Spitze eines Marionettenstaates gesetzt wird, so unbeweglich und bleiern wie die Wasser des Gardasees, von dem aus er ihn regieren soll: die Italienische Sozialrepublik. In den sechshundert Tagen ihres Bestehens - von September 1943 bis April 1945 -, erlebt Italien seine dunkelste Stunde: die Stunde der niederträchtigsten und feigsten Gewalt, der Judenverfolgung, der Flächenbombardements. Es ist der letzte Akt der Tragödie des Faschismus und des Krieges.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.06.2026
Rezensent Thomas Steinfeld feiert Antonio Scuratis fünf Bände über Leben und Sterben des italienischen Diktators Mussolini als Vergegenwärtigung der Brutalität des Faschismus. Der vorliegende letzte Band schildert laut Steinfeld das dunkle Ende Mussolinis von Juli 1943 bis zu seinem Tod auf eine anschauliche Weise, die dem Leser zu schaffen machen könnte, weil der Schrecken so allgegenwärtig ist. Steinfeld betont die Faktentreue des historischen Romans, der an aktueller Dringlichkeit für ihn nichts zu wünschen übriglässt. Kurze Kapitel und sorfältig gemachte Sätze spiegeln die "Not eines Diktators", der alles verliert, so Steinfeld begeistert.
Einerseits bestaunt Rezensent Christoph Villinger den eigenwilligen literarischen Ansatz von Antonio Scuratis Mussolini-Biografie, andererseits sieht er hier auch Gefahren. Nachdem in den ersten vier Teilen Aufstieg und Herrschaft des italienischen Diktators behandelt wurden, geht es nun im fünften Abschlussband um die letzten Lebensjahre des zum Schluss nur noch zum Schein als "Duce" von Hitler installierten Faschisten, erklärt Villinger. Auch diesmal gelingen dem Autor und Literaturwissenschaftler "intensive Einblicke" in Mussolinis Machttreiben, wenn er erzählerische Passagen mit aufwendig recherchiertem Quellmaterial verbindet, lobt der Rezensent. Insbesondere die Briefe zwischen M. und seiner Geliebten Clara Petacci findet er hier ertragreich. Aber an den vorgeschalteten literarischen Episoden könne man sich eben auch "stoßen", weil sie, obgleich "realistisch" und "psychologisierend" gehalten, erzählerische Einfühlung fast nur dem Gewaltherrscher und seinem Umfeld, selten aber seinen politischen Gegnern oder Opfern entgegenbringen. Die Gefahr, dass somit "Empathie für den Mörder" entstehe, sei ein durchaus berechtigter, auch in der italienischen Rezeption laut gewordener Kritikpunkt. Dennoch betont der Kritiker insgesamt die Umsicht und Differenziertheit in Scuratis Darstellung.
Rezensentin Maike Albath empfiehlt den letzten Band von Antonio Scuratis fünfbändigem Epochenbild des Faschismus. Das Ende Mussolinis und die chaotische Lage in Italien um 1943 beschreibt der Autor laut Albath gekonnt in einer "reizvollen" Mischung aus Figureninnensicht, Mailänder Lokalgeschichte und intensiv recherchierten Originaldokumenten und unter ständigem Wechsel von Orten und Perspektiven. Riskant findet Albath, aus Mussolinis Sicht zu erzählen und den Leser zu nötigen, seine Sicht einzunehmen. Allerdings unterläuft Scurati mit seiner Komposition geschickt die Identifikation und fordert zur Reflexion auf, stellt die Rezensentin erleichtert fest. An das Ende seines Textes stellt Scurati laut Albath einen bedenkenswerten Appell: Freunde der Demokratie sollen sich bereithalten für den Kampf.
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