Wo immer Menschen interagieren, brauchen sie, um ihr Handeln rational zu gestalten, Kenntnisse darüber, mit wem sie es zu tun haben. Persönliche Nähe und gute Beziehungen werden dann problematisch, wenn sie die Sachfragen an den Rand drängen oder ganz verschwinden lassen. Die neun Fallstudien dieses Buches erzählen anhand von historischen Fällen aus vier Jahrhunderten davon, wie Netzwerke einstmals funktioniert haben, wie sie heute noch funktionieren und unter welchen Umständen Netzwerke zu moralisch verwerflichen, wenn nicht gar juristisch strafbaren "Seilschaften" werden. Dabei zeigt sich, dass es einen "Fortschritt" von einer korrupten Herrschaftsorganisation der Vergangenheit hin zu einer streng rational-bürokratischen Struktur, in der Netzwerke keine Rolle mehr spielen, nicht gibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2007
Am besten gefallen hat Rezensent Caspar Hirschi ein "subtil-subversiver" Essay über die Ökobewegung und die moralisch-stilistischen Konsequenzen ihres Erfolges. Einst als Gegenmacht angetreten, habe sie diesen schönen Schein auch noch in Zeiten realer Machtausübung wahren müssen. Die Herausgeber des Bandes von auch sonst "zupackend" geschriebenen Aufsätzen verfolgten aber noch ein weit höher gestecktes Ziel. Sie wollten entgegen bisheriger Theoriebildung zeigen, dass informelle Netzwerke nicht nur in vormodernen Gesellschaften "funktional" seien. Vielmehr variiere lediglich die moralische Bewertung dieser Strukturen. Der Nachweis, schränkt der Rezensent ein, gelänge den neun Aufsätzen nur zum Teil, wohl aber regten die angeführten Beispiele zum "Weiterdenken" an. Beispielsweise komme man zu dem Schluss, dass die individualistische "Verdienstideologie" paradoxerweise gerade den kurzen Dienstweg informeller Strukturen befördere, weil sie schlicht verlogen sei. Eine solche "Meritokratie" sei ein Feind jeder Transparenz und ein Freund "systemischer Korruption".
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