Arno Frank

Ginsterburg

Roman
Cover: Ginsterburg
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN 9783608966480
Gebunden, 432 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Lothar träumt vom Fliegen. Eben noch ein kleiner Junge, kann seine Mutter Merle nur ohnmächtig zusehen, wie sein Traum von der Freiheit ihren Sohn in die Arme der Hitlerjugend treibt. Eine neue Zeit ist angebrochen. So sehr Merle ihr auch misstraut, kann sie ihr doch nicht entkommen - nicht in ihrer Buchhandlung, nicht in den Gesprächen mit Eugen, dem Feuilletonisten der Lokalzeitung von Ginsterburg. Doch während die einen verstummen und einige sich langsam korrumpieren lassen, verstehen andere es, die neue Machtverteilung zu ihren Gunsten zu nutzen. Blumenhändler Gürckel schwingt sich zum Kreisleiter auf, Fabrikant Jungheinrich macht beste Geschäfte, und auch der Arzt Hansemann wittert völlig neue Möglichkeiten. Im Lichtspielhaus spielt weiter Heinz Rühmann, über den Nürburgring schießen Runde für Runde die Silberpfeile. Doch der Krieg, an fernen Fronten geschlagen, ist bald auch im Mikrokosmos der Stadt zu spüren, in den erschütterten Beziehungen und Seelen der Menschen. Und über allem schwebt ein britischer Bomberpilot, der sich dem einstmals beschaulichen Ginsterburg unaufhaltsam nähert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2025

Rezensent Ulrich Steinmetzger zeigt sich durchweg fasziniert von Arno Franks Roman über die fiktive Stadt Ginsterburg, die zwischen 1935 und 1945 langsam in den moralischen und politischen Abgrund sinkt. Im Zentrum steht Uta, die wegen ihres jüdischen Mannes Carl von Ossietzky zurück in die Provinz muss - an einen Ort, der ihr fremd geworden ist und sie mit offener Feindseligkeit empfängt, resümiert der Kritiker. Dennoch findet sie dort eine Aufgabe, wenn auch unter Demütigungen: "Judenflittchen" wird sie genannt. Frank gelingen eindrucksvolle Figuren, die in ihrer Widersprüchlichkeit glaubhaft bleiben - selbst der angepasste Schwager Eugen, der zum Chefredakteur wird, bleibt komplex gezeichnet und lässt Uta seine Ginsterburger Stadtgeschichte Korrektur lesen. Der Autor entwirft "ein aus individuellen Geschichten gefügtes Geschichtsbuch", so der Rezensent, das zeige, dass Vergangenheit nicht tot sei. Was Franks Roman auszeichnet, ist nicht zuletzt sein Gespür für Atmosphäre und Details - und seine unaufgeregte, aber eindringliche Erzählweise, meint Steinmetzger.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.04.2025

Das Gift, das der Nationalsozialismus versprüht hat, kommt zunächst ganz unauffällig aus den Zeilen von Arno Franks neuem Roman, breitet seine Wirkung dann aber mit voller Kraft aus, hält Kritiker Klaus Hillenbrand zur Geschichte der fiktiven, aber exemplarischen Kleinstadt Ginsterburg fest. Aufgeteilt in drei Zeitebenen, 1935, 1940 und 1945, betrachtet Hillenbrand Aufstieg und (bei den meisten) Verstrickung der Figuren in die NS-Verbrechen: Eine Buchhändlerin verkauft nur noch die dem Staat genehme Literatur, ihr Sohn Lothar wird Kampfpilot, ein jüdische Stadtbewohner hat sich umgebracht, ein Redakteur, der sich einst der Weltbühne anbiederte, ist jetzt Chefredakteur des lokalen Nazi-Blatts. Den Lebensläufen werden schreckliche Details über den Kriegsverlauf beigefügt, so Frank, dem dieser "großartige Roman" noch einmal aufzeigt, wohin die Nazi-Herrschaft und das freiwillige Mittun führten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 20.02.2025

Ein Roman, der es verdient hätte, im Schulunterricht gelesen zu werden, befindet Kritiker Oliver Pfohlmann zu Arno Franks Epos über eine Kleinstadt im Nationalsozialismus, das in drei Episoden mit Fünfjahresabstand von 1935 bis 1945 erzählt wird. Frank schaut in die Köpfe von einem Dutzend Figuren - zwischen der Wahrsagerin Zola und dem NSDAP-Kreisleiter Otto fügen sich die Buchhändlerin Merle und ihr Sohn Lothar ebenfalls irgendwo in einem Koordinatensystem zwischen Mitläufern und Tätern unterschiedlichen Grades ein. Die "Davidsternschmiererei" am Fenster ignoriert Merle weitestgehend, ihr Sohn bekommt für seine Fliegereinsätze später das Ritterkreuz, schildert Pfohlmann. Am interessantesten kommt ihm Eugen vor, der einst bei Ossietzkys Weltbühne schreiben wollte und nun "Föhlitongs" für den Kreisleiter produziert, weil er nicht über die "Bewegung" schreiben will. Nicht nur die Einblicke in die Figuren finden das Lob des beeindruckten Rezensenten, auch die atmosphärischen Szenen, die die NS-Zeit deutlich vor Augen führen - und besonders die Gleichgültigkeit der Ginsterburger ihren jüdischen Mitmenschen gegenüber zeigen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.02.2025

Unglaublich gut findet Rezensent Bernhard Heckler Arno Franks geschichtsträchtigen Roman, dem es gelingt, die historische Breitendimension und "Komplexität" mit der Konkretion einzelner alltäglicher und berührender Momente zu verbinden, schwärmt Heckler. Auf drei sich abwechselnden Zeitebenen, 1935, 1940 und 1945, geht es um die fiktive deutsche Stadt Ginsterburg und verschiedene ihrer Bewohner: um Lothar etwa, am Anfang noch ein sensibler Junge, der keine Fische töten kann und noch als Kampfpilot, der er später wird, zweifelt; aber auch um den Vorzeige-Nazi Otto Gürckel, der sich angesichts der vielen Gas-Suizide von Juden in Wien "Gedanken" über den Energiemarkt macht, resümiert der Rezensent. Wie Frank in diesem "Kaleidoskop" solche Gegensätze in prägnanten alltäglichen Szenen nebeneinanderstellt und wirken lässt, findet der Kritiker genial, aber das müsse man auch "erst mal aushalten". Für Heckler ein Buch, in dem einem die deutsche Geschichte sehr nahekommt, auch die "Banalität des Bösen" ruft der Kritiker hier auf. Ein brillantes, sehr greifbares Stück Erinnerungskultur, lobt er.

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