Aus dem Französischen von Marlene Frucht. Fatima liebt ihren Vater abgöttisch. Er befolgt streng die arabischen Bräuche und hat Sorge, dass die Röcke seiner Tochter zu kurz geraten. Die Mutter ist eine selbstbewusste Frau von europäischer Eleganz. Zwei Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Dazwischen bahnt sich das kleine Mädchen seinen eigenen Weg zur jungen Frau, der manchmal schmerzhaft ist und dann wieder voller Glück. »Nirgendwo im Haus meines Vaters« ist Assia Djebars persönlichstes Buch. Mal mit kühler Prägnanz, mal in poetischen Bildern erzählt sie ihre eigene Geschichte, die zugleich die Algeriens ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.04.2010
Über die Verdienste der Autorin bei der Vermittlung zwischen Tradition und Moderne, beim Kampf um die weibliche Gleichberechtigung und um Assia Djebars Kunst der Überlagerung von Perspektiven und Zeitachsen weiß Joseph Hanimann genau Bescheid. Dass Djebar in diesem autobiografischen Buch über eine Kindheit im Algerien zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs unser Bild des nordafrikanischen-arabischen Alltags ausdifferenziert, macht es für Hanimann interessant. Allerdings stößt er auch auf Passagen, denen es seiner Meinung nach an Prägnanz mangelt oder die allzu sinnträchtig und stilverliebt daherkommen. Und hätte Djebars Roman nur halb so viel Raum beansprucht, Hanimann hätte es womöglich besser gefallen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2010
Kersten Knipp hat mit großer Faszination Assia Djebars Buch "Nirgendwo im Haus meines Vaters" gelesen, das Genreetikett "Roman" findet er allerdings eher unpassend. Die algerische Autorin beschreibt darin nämlich ihre Kindheit und Jugend, die von der kolonialen Herrschaft der Franzosen geprägt war. Vor allem begeistert hat den Rezensenten, dass Djebar die französische Kolonialherrschaft in ihrer Ambivalenz von Gewalt und Befreiung erfasst und zum Beispiel ihre erwachende Liebe zur französischen Sprache und Literatur oder die Freiräume, die das französische Internat gegenüber den strengen Moral- und Sittenvorstellungen der Väter bot, schildert. Und dass trotz der anschaulichen Beschreibungen vom Leben in zwei Kulturen kein plattes Lob des Multikulturalismus dabei herausgekommen ist, scheint Knipp sehr zuzusagen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.09.2009
Renate Wiggershaus zeigt sich beeindruckt und auch ein bisschen erschüttert von dem ersten Band der auf drei Bände angelegten Autobiografie der algerischen Schriftstellerin und Filmemacherin Assia Djebar. Zentrales Thema sind, wenn man der Rezensentin folgt, die Beschränkungen, die das Mädchen in der algerischen Gesellschaft erlebt und die schmerzvoll mit ihrem Freiheitsdrang und ihrer Neugier auf das Leben kollidieren. Der Zorn ihres Vaters angesichts ihrer Versuche, das Fahrradfahren zu lernen, was dieser als unzüchtig geißelt, wirkt prägend auf ihr weiteres Leben und wird zum "Angstmotiv", erklärt die Rezensentin. Die Erzählweise erinnert sie an filmische Verfahren, die die Schlüsselszenen plastisch vor Augen führen, wie Wiggershaus lobt. Sie demonstrieren der Rezensentin eindrücklich, dass es sich beim Schreiben Djebars um eine "riesige Fluchtbewegung" und eine davon nicht zu trennende "Suche" darstellt und damit, findet sie, vermittelt die Autorin eine "faszinierende und altehrwürdige Lehre".
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