Bogdan Musial

"Lagermedizin" in Auschwitz

Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940-1945
Cover: "Lagermedizin" in Auschwitz
Hamburger Edition, Hamburg 2024
ISBN 9783868543940
Gebunden, 656 Seiten, 45,00 EUR

Klappentext

Dieser Ort werde die Hölle auf Erden sein, erklärte im Juni 1940 ein SS-Angehöriger Häftlingen, die beim Bau des Lagerzauns eingesetzt waren. Nach 1945 ist Auschwitz zum Synonym für die unvorstellbaren Grauen des Holocaust geworden.Unter den Häftlingen waren alle Berufsgruppen vertreten, auch Ärztinnen und Ärzte. Wer eine Beschäftigung im Krankenbau fand, steigerte seine Überlebenschancen deutlich, konnte aber auch sein medizinisches Wissen einsetzen, um anderen zu helfen. Als Auschwitz 1942 zum Vernichtungskomplex ausgebaut wurde, ging die Behandlung der kranken Insassen praktisch in die Hände der Häftlingsärzte über, auch wenn SS-Mediziner die Aufsicht ausübten. Die Kooperation reichte oft tief und stürzte die Häftlingsärztinnen und -ärzte in Dilemmata: Einerseits konnten sie helfen, andererseits waren sie durch Befehle gezwungen, tödliche Entscheidungen mitzutragen. Der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musial beleuchtet erstmals umfassend die Rolle der Häftlingsärzte und rekonstruiert so auch die Geschichte von Auschwitz von den Anfängen bis zur Evakuierung im Januar 1945: Er beschreibt den Häftlingskosmos, die Arbeitseinsätze, die Selektionen, das Erproben von Mordmethoden, "medizinische Experimente" und die Vernichtung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2025

Rezensent René Schlott lobt die kritische Ausgewogenheit der Darstellung in Bogdan Musials "Grundlagenwerk" zur Lagermedizin in Auschwitz. Zahlreichen Aspekten der unter dem medizinischen Personal herrschenden Zwänge geht der Autor laut Schlott gewissenhaft nach: Basierend auf umfassenden Archivrecherchen beleuchtet Musiał das ethische Dilemma dieser Ärzte, die unter SS-Aufsicht ihre Mithäftlinge medizinisch versorgen mussten und gleichzeitig zu Gräueltaten gezwungen wurden.Wie Personal zu Menschenversuchen gezwungen wurde und Kollaboration durch perfide Hierarchien und Strukturen im Lager gefördert wurde, zeigt der Autor unter systematischer Auswertung seiner Quellen, so Schlott. Auch im Band: Einblicke in die Fälschungspraxis der Krankenbau-Schreibstube. Hier wurden Todesursachen in großem Stil manipuliert, erfährt Schlott.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 24.01.2025

Schon Marcus Heumanns Rezension zu Bogdan Musials Studie über die Rolle der "Lagermediziner" von Auschwitz, also der Ärzte unter den Häftlingen, ist keine leichte Kost. Denn auch die 656 Seiten von Musials Buch verlangen den Lesern viel ab. Dabei ist es nicht der Umfang oder die "wissenschaftlich-nüchterne Diktion" der Arbeit, die herausfordern, so Heumann, sondern die teilweise sehr eindrücklichen Beschreibungen der Zustände, der Vorgänge und insbesondere der Tätigkeiten von Medizinern im KZ. Sie beanspruchen die Empathie der Leser stärker als andere Arbeiten über Auschwitz. Davon gibt es viele, weiß der Rezensent. Musials Buch ist jedoch bisher das einzige, welches sich der Bedeutung, der Lebens- und Sterberealität, den "Dilemmata", wie es im Titel heißt, der Häftlingsärzte widmet und anhand ihrer wechselnden Tätigkeiten die Entwicklungen, heißt auch die verschiedenen Phasen in Auschwitz rekonstruiert. Dazu hat der Historiker auch osteuropäische Quellen ausgewertet, die in der westlichen Forschung lange Zeit entweder nicht zugänglich waren oder nicht beachtet wurden, erklärt der Rezensent. Diese neuen Quellen, vor allem Berichte Überlebender, sind es, so Heumann, die dem Buch an vielen Stellen seine "Plastizität" verleihen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.12.2024

Eine Lücke in der Aufarbeitung der NS-Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz-Birkenau schließt Bogdan Musial laut Rezensent Ludger Heid mit dieser Studie. Das Buch beschäftigt sich mit der Rolle der aus jüdischen Medizinern rekrutierten Lagerärzten, die im Vernichtungslager eingesetzt wurden, um den SS-Ärzten bei ihren zynischen Menschenexperimenten wie auch bei den Versuchen zu assistieren, Kranke möglichst rasch wieder in den Arbeitsdienst zu befördern, oder aber sie, falls das nicht möglich war, in die Gaskammer zu schicken. Heid geht in seiner Rezension hauptsächlich auf den Inhalt der Arbeit ein und schreibt über die ethische Zwangslage, in der sich die jüdischen Ärzte befanden, die ihre eigene Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhten, aber immer wieder fürchterliche Entscheidungen zu treffen hatten, weil die SS-Ärzte ihnen immer mehr Verantwortung unter anderem für die Auslese der Kranken übertrugen. Nicht einverstanden ist Heid, seines Zeichens selbst Historiker, wenn Musial beleglos den jüdischen Lagerärzten vorwirft, die Kranken schlecht behandelt zu haben. Insgesamt lobt er die Arbeit jedoch als einen wichtigen, auf solider Quellenlage erstellten Beitrag zur Aufarbeitung des NS-Unrechts.

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