Während des Ersten Weltkriegs verhängte das Deutsche Reich in seinen besetzten Gebieten im Osten und im Westen den Passzwang und betrieb damit eine historisch neuartige Form der Fotopolitik. Während im Reich selbst ein Ausweisdokument nur zur Ausreise benötigt wurde, mussten alle Menschen in den Besatzungsregionen - in Nordfrankreich, Belgien, Polen und dem sogenannten OberOst - einen deutschen Pass mit Lichtbild anfertigen lassen. Das Buch handelt von diesem vergangenen Kapitel in der Geschichte der deutschen Pässe und der Passfotografie. Unter Zwang entstanden ab 1915 Millionen von Porträtfotografien in einem speziellen Verfahren: Um Material, Aufwand und Kosten zu sparen, fotografierten deutsche "Passkommandos" die Menschen in Gruppen von fünf bis zehn Personen auf einem Bild, das anschließend in Einzelfotos auseinandergeschnitten wurde. Durch die Fotokamera sah der deutsche Staat jedem und jeder ins Gesicht und demonstrierte mit den Passfotos, deren Bildformat erst erfunden werden musste, seine Kontrollmacht. Ausgehend von zwei widerständigen künstlerischen Positionen - Bilder von Józef Rapacki und Juozas Silietis - zeichnet Britta Lange in ihrem Buch eine heute vergessene Geschichte der Passfotografie unter Zwang nach.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2025
Rezensent Steffen Siegel empfiehlt das Buch der Kulturwissenschaftlerin Britta Lange über staatliche Kontrolle in Kriegszeiten mit besonderem Blick auf die Entstehung des deutschen Passwesens aus dem Geist der Fotografie. Wie das Medium der Fotografie im Deutschen Reich zum Instrument staatlicher Kontrolle wurde, rekonstruiert die Autorin laut Siegel eindrucksvoll anhand der Kontrollen in den besetzten Gebiete in "Ober Ost" und unter Einbezug individueller Geschichten.
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