1945

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783737102018
Gebunden, 464 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
1945, ein Jahr zwischen Katastrophe und Neuanfang. Die Deutschen schicken ein letztes Aufgebot an jungen und alten Männern in die Schlacht, die Alliierten rücken näher, Zivilisten sind auf der Flucht oder suchen im Trümmerfeld des Krieges Schutz. Im Mai ist der Krieg zu Ende, die Menschen kriechen aus den Ruinen, vor sich eine ungewisse Zukunft. Der Alltag geht weiter, aber die Welt ist eine andere. Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes legt Volker Heise eine atemberaubend erzählte Chronik vor, die das ganze Jahr 1945 umspannt, von Silvester bis Silvester. Tagebücher, Briefe, Erinnerungen, aber auch unveröffentlichtes Archivmaterial, darunter Augenzeugenberichte, erlauben eine einzigartige Perspektive. Stimmen, Beobachtungen und Geschichten werden zu einer großen Erzählung verwoben, die unterschiedlichste Schicksale unmittelbar miteinander verknüpft. Das Porträt eines Jahres, wie wir es noch nicht gesehen haben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 06.05.2025
Kein klassisches Geschichtsbuch sollte man erwarten, wenn man sich diese Veröffentlichung zulegt, stellt Rezensent Michael Hesse klar. Volker Heise, bekannt von Theater- und Filmarbeiten, montiert hier - schnell zwischen diversen Schauplätzen hin und her wechselnd - eine Gesamtschau des Jahres 1945 in Deutschland aus diversen Augenzeugenberichten, lesen wir. Episodisch ist dieses Buch strukturiert, stellt Hesse klar, außerdem zeichnet es sich durch Vielstimmigkeit aus, mal sind wir mit den Nazioberen in deren Bunkern, mal bei Soldaten mitten im Gefecht, mal bei Widerstandskämpfern, mal bei Leuten, die im Trümmerberlin einen Neustart versuchen. Ganz pathosfrei kommt diese Montage daher, stellt Hesse dar, eben deshalb stellt sich ein Effekt der Unmittelbarkeit ein. Im Weiteren zeichnet Hesse selbst entlang der Lektüre einige Aspekte des Jahres 1945 nach, unter anderem geht er auf Hitlers Unwillen ein, das Ausmaß der kommenden Niederlage zu begreifen, sowie auf die Bemühungen der Sowjetunion, in den von ihr besetzten Teilen Deutschlands rasch Dominanz zu beweisen, auch die Vergewaltigungen durch die Rote Armee sowie die sich plötzlich zu heimlichen Widerstandskämpfern erklärenden Deutschen werden erwähnt. Analytisch ist dieses Buch keineswegs, erläutert Hesse abschließend, vielmehr ermöglicht es den Lesern einen gewissermaßen direkten Zugang zu Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.05.2025
Rezensent Robert Probst beobachtet anhand gleich dreier Bücher von Oliver Hilmes, Gerhard Paul und Volker Heise den Trend, Geschichte "emotional und von unten zu erzählen", so auch bei den Wochen und Monaten um das Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein bisschen süffisant lässt er sich über die Tendenzen aus, in collageartiger Form aus der Perspektive etwa von einfachen Sekretärinnen, aber auch Soldaten und Nazi-Führungsträgern zu erzählen, vermisst er dabei doch eine quellenkritisch-wissenschaftliche Herangehensweise. Heise schafft für den Kritiker ein "Kriegsende-Panoptikum", das durchaus "plastisch" den Horror des Kriegsendes zu vermitteln mag. Die Stärke liegt hier in den Details, so der Kritiker: Der unerträgliche Gestank und die sich ausbreitenden Krankheiten, Sarg-Mangel, aber auch eine bewegende Episode über zwei Auschwitz-Überlebende, die nach Kriegsende heiraten. Schockierend in ihrer Nüchternheit sind die Berichte über die zahlreichen Vergewaltigungen von Frauen durch die Rote Armee, hält der Kritiker außerdem fest. Hilmes widme sich eher bekannteren Protagonisten wie Thomas und Klaus Mann, was zwar viel Atmosphärisches vermittle, aber keine neuen Erkenntnisse. Gefallen findet bei Probst aber der Band des Historikers Paul, der sich die dreieinhalb Wochen nach Hitlers Suizid anschaut, beschränkt auf die Flensburger Förde, und dafür nicht nur collagierte Eindrücke niederschreibt, sondern diese durch historische Einordnungen ergänzt. Dadurch ergebe sich ein minutiöses Protokoll, das auch zeige, wie schnell sich nach Kriegsende der Mythos der 'sauberen Wehrmacht' verbreiten konnte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2025
Rezensent Rene Schlott liest Volker Heises auf der Filmdoku "Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt" basierende Collage aus Tagebüchern, Briefen, Wochenschauen und unveröffentlichten Zeitzeugnissen mit Spannung. Beeindruckend findet er die Chronik der Not und der Heimatlosigkeit vor allem wegen der Seitenblicke von Berlin an die Peripherie Deutschlands, zu einfachen Menschen und ihren Erlebnissen, aber auch zu den vielen Zwangsarbeitern in der Hauptstadt. Die Gewalt ist hier allgegenwärtig, stellt Schlott erschüttert fest.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 09.01.2025
Ein Buch, das hervorragend ist in dem, was es leistet, aber einige Leerstellen aufweist: So beschreibt Rezensent Michael Kuhlmann Volker Heises Chronik des Jahres 1945. Zusammengesetzt ist sie einerseits, lesen wir, aus Zeugnissen von Menschen auf allen Seiten, die die Schlussphase des Zweiten Weltkriegs erleben - wodurch wir erfahren, dass nicht nur Leute im Luftschutzbunker, sondern auch amerikanische Soldaten Todesängste ausstanden. Andererseits, erläutert Kuhlmann, geht es auch um die unmittelbare Nachkriegszeit, zum Beispiel um den Weg deutscher Atomphysiker in die USA oder die Pläne Walter Ulbrichts für ein neues kommunistisches Ostdeutschland. Etwas mehr Hintergrundinformationen in Form von Anmerkungen hätte der Band vertragen, findet Kuhlmann, der es außerdem bedauert, dass Heise konsequent Berlin ins Zentrum stellt - anderswo wurden damals schließlich auch wichtige Erfahrungen gemacht. Gleichwohl macht das Buch für den Rezensenten Geschichte auf vorbildliche Art und Weise lebendig.