Demokratie ohne Gesetze
Warum nicht Regeln, sondern wir selbst unsere Gesellschaft tragen

Ullstein Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783550202223
Gebunden, 256 Seiten, 24,99
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Oliver Lingner. Wir glauben, dass Regeln und Gesetze dazu da sind, um uns und unser Zusammenleben zu schützen. Sie bewahren unsere Gesellschaften davor, im Chaos zu versinken. Wie könnten wir ohne sie Recht von Unrecht unterscheiden, in unseren Gemeinschaften gut leben und einander gute Nachbar:innen sein? C.L. Skach sieht das anders. Ihre Karriere als Rechtswissenschaftlerin führte sie in die am stärksten zerrütteten und vom Krieg gezeichneten Ecken der Welt, wo sie Verfassungen las und schrieb, um die Gesellschaften vor Ort zu stabilisieren. Doch als sie nach einem Raketenangriff allein in einem Wohnwagen in Bagdad saß, gestand sie sich endlich ein, was sie jahrelang verdrängt hatte: Eine gute Gesellschaft kann nicht von oben verordnet werden. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass man sich weniger auf von außen auferlegte Regeln stützt, sondern mehr aufeinander - denn jede:r ist ein essentieller Teil der Gesellschaft. Skach stellt in ihrem Buch sechs Ideen vor, die einen echten Wandel von unten nach oben bewirken und ein ganz neue, stabilere, erfüllendere und selbstwirksamere Art des Zusammenlebens ermöglichen können
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2024
Rezensentin Sonja Asal ist von den Ausführungen der Verfassungsrechtlerin Cindy Skachs zu einer "echten Zivilgesellschaft" angetan, sieht aber auch deutliche Schwächen. Skach fordert dazu auf, Verantwortung in die eigenen Hände zu nehmen, statt auf staatliche Gesetze zu vertrauen. Ihr Misstrauen resultiert aus Skachs beruflichen Erfahrungen, darunter ein Raketenangriff in Bagdad, der sie zum Nachdenken über verfassungsrechtliche Ordnungen gebracht hat. Sie lobt, lesen wir, Bewegungen wie Occupy-Wall-Street oder Black Lives Matter als Beispiele spontaner Eigenverantwortung, erwähnt aber auch eine Aktion, bei der Bürger Sozialwohnungen per Gericht verhinderten - was ihrer Forderung widerspricht, lokale Probleme durch lokal Beteiligte zu lösen, moniert Asal. Die Kritikerin würdigt Skachs Optimismus, bemängelt jedoch ihre fast durchgängige Kritik an Recht und Ordnung. Utopische Ideen wie "solarbetriebene Flachbildschirme" für Bürgerinformationen, die die Bevölkerung mündiger machen sollen, hält sie für realitätsfern. Die Frage, wie Rechte ohne staatliche Institutionen durchgesetzt werden sollen, bleibt für Asal letztlich ungeklärt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024
Rezensent Ronen Steinke ist ziemlich skeptisch angesichts der Hoffnungen, die C.L. Skach in diesem Buch auf basisdemokratische Aushandlungsprozesse setzt. Sie selbst spricht, lernen wir, von "Guerilla-Konstitutionalismus", als positives Beispiel nennt sie unter anderem eine Vulkaninsel, in der lange eine matriarchale Erbfolge die Dinge regelte, und in der die Gesellschaft aus der Balance geriet, als die Insel unter den politischen Einfluss Frankreichs geriet und Geschlechtergerechtigkeit propagiert wurde. Die Juristin Skach schließt an eine Form von Elitenkritik an, die derzeit en vogue ist, sie tut das allerdings, beschreibt Steinke, tendenziell von links, sie ist nicht gegen Gesetze, aber findet, dass diese am besten vor Ort unter Betroffenen ausgehandelt sollen. Sie macht zwar viele konkrete Vorschläge und fordert die Leser unter anderem dazu auf, Tomaten zu pflanzen und mit anderen zu teilen, auf die vielen möglichen Einwände gegen ihre Argumentation geht sie jedoch nicht ein. Steinke liest nichts darüber, wie Skachs Basisdemokratie sicherstellen könnte, dass die Rechte von Schwachen geschützt werden. Der Rezensent selbst möchte jedenfalls Verfassungsgerichtbarkeiten und ähnliche Errungenschaften einer abstrakteren Gerichtsbarkeit lieber nicht der Hoffnung auf die Gerechtigkeit vermeintlich ursprünglicherer Aushandlungsverfahren opfern. Anhänger von Ideen wie den Bürgerräten, die in der Klimabewegung beliebt sind, werden sich von der Lektüre allerdings vermutlich bestätigt fühlen, heißt es zum Schluss.