Can Xue

Schattenvolk

Cover: Schattenvolk
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751809795
Gebunden, 366 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Chinesischen von Eva Schestag. Eine Ratte streift durch die dunklen Gassen und Häuser eines unterirdischen Slums und berichtet von ihren Ängsten und Erinnerungen, Sehnsüchten und skurrilen Begegnungen. Zwei Jungen dringen nachts in eine fremde Küche ein und finden sich in einem finsteren Raum wieder, inmitten unsichtbarer Köche und verführerischer Gerüche. Eine alte Zikade, Vorsängerin eines Chors, wird im Kampf mit einer Spinne zerlegt, nur ihr großer Kopf überlebt, und so konzentriert sie ihr Denken nun darauf, den eigenen Körper wieder auszubilden. Diese und andere Figuren, die alltäglicher und zugleich fantastischer nicht sein könnten, bewegen sich traumwandlerisch in einer von den Gesetzen der Logik befreiten Welt. Can Xue nimmt die Leserinnen und Leser  in ihren Prosastücken mit auf eine Reise durch innere und äußere Landschaften und erkundet aus ganz eigenen Perspektiven das große Ganze unserer Existenz.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.01.2025

Düster und größtenteils unterirdisch sind die Geschichten in Can Xues Erzählband laut Rezensentin Katharina Borchardt situiert. Die Hauptfiguren sind Tiere, mit denen es die Menschen und insbesondere die Kinder nicht gut meinen, was Borchardt an eine historische Schädlingsbekämpfungskampagne im maoistischen China erinnert. Überhaupt spuckt Mao in Gestalt einer Sonnenmetapher durch die Texte, erfahren wir. Keineswegs sollte man lineare Geschichten erwarten, rät die Rezensentin, die Erzählungen sind unvorhersehbar, immer wieder tauchen neue Figuren auf, insgesamt wird viel gebuddelt, auch die Räume haben keine stabile Form. Man muss sich schon einlassen auf diese an der surrealistischen "écriture automatique" geschulten Texte, meint Borchardt, aber wenn einem dies gelingt, dann erwartet einen große, eigenwillige Literatur, die in die Tiefen der Seele hinab gleitet, verspricht sie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2024

Rezensentin Marie Luise Knott feiert den Verlust alles Verlässlichen in den Erzählungen der Chinesin Can Xue aus den Jahren 1996 bis 2018. In den Texten treten Körperteile und Tiere als Handelnde auf - wie bei Kafka, findet Knott. Und wie bei Kafka ist die erzählte Welt unheimlich und voller Sehnsucht, meint sie. Can Xues Sprache destilliert aus dem Surrealen eine starke Realität und die Schönheit des Augenblicks. Der Ursprung dieser Kunst liegt für Knott in der düsteren Familiengeschichte der Autorin, deren Eltern inhaftiert wurden, während die Autorin in finstersten Verhältnissen bei der kranken Großmutter aufwuchs.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.08.2024

Im besten Sinne unheimlich und vom Unbewussten angefeuert sind die Erzählungen der chinesischen Autorin Can Xue, konstatiert Rezensentin Julia Hubernagel: Erzählt wird von einem Nagetier aus einem Slum, das sowohl an Kafka als auch an Bulgakow erinnert und von durchsichtigen Menschen berichtet, die in durchsichtigen Häusern leben. Auch Überwachung und Verdrängung spielen eine Rolle, nur, dass sich Xues Protagonisten nicht nach Schuldigen für ihr Leid suchen, sondern eher dem Übersinnlichen anheimfallen, berichtet Hubernagel. Die Autorin schreibt in einer "écriture automatique" jeden Tag eine bestimmte Anzahl Sätze, die dann auch nicht mehr gestrichen werden, das sorgt dafür, dass die Kritikerin bisweilen Schwierigkeiten hat, ihr zu folgen, aber dennoch liest sie in den Geschichten gerne von der "Auflösung als eine vergnügliche Sache."

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.08.2024

Rezensent Maximilian Mengeringhaus verneigt sich vor der "Grande Dame der chinesischen Avantgarde", die sich mit den 16 Erzählungen in diesem Band auf der Höhe ihrer Kunst zeigt. Mit Geschichten wie Sprengsätzen, die allmählich entstehen, jeden Tag ein Absatz, lässt sie jede Logik zerplatzen, lesen wir. Und sie liefert auch nicht nachträglich eine Moral von der Geschicht. Sinn muss der Leser selbst finden, erklärt der Kritiker, der die Lektüre als "einmalige Erfahrung" würdigt, dabei aber den Eindruck erweckt, ein zweites Mal würde er nicht unbedingt zu einem Buch Can Xues greifen.

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