26 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie stellt uns der Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" einmal mehr vor die Frage, wie der Westen selbstbewusst für seine Werte eintreten kann - ob nun gegen Fundamentalisten, Populisten oder die antiwestliche Rhetorik eines Wladimir Putin. Während viele Linke und Liberale durch die Logik der politischen Korrektheit gleichsam gelähmt sind, schwingen sich Figuren wie Marine le Pen und Bewegungen wie Pegida zu Verteidigern des Abendlandes auf. In dieser Situation plädiert Carlo Strenger für eine Haltung der zivilisierten Verachtung, mit der das aufklärerische Toleranzprinzip wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird: Anstatt jede Glaubens- und Lebensform zu respektieren und diskursiv mit Samthandschuhen anzufassen, müssen wir uns daran erinnern, dass nichts und niemand gegen wohlbegründete Kritik gefeit sein darf: 'Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.'
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.04.2015
Gustav Seibt lässt das Buch des Philosophen Carlo Strenger ratlos zurück. So spannend und aktuell der Rezensent Strengers knackige Einlassungen zum postmodernen Kulturrelativismus findet, so zweifelhaft erscheint ihm, dass der Autor in Zeiten von Fatwas und den Morden von Paris die Artikulation von Verachtung einklagen möchte. Wozu die Affektion?, meint Seibt. Ihm scheint die Aufklärung mit ihren Begriffen Kritik und Vernunft eigentlich das richtige Werkzeug bereitzustellen, um die Wahrheit zu verteidigen, auch gegen den Antiliberalismus, meint Seibt.
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