Charles Fourier

Der Philosoph der Kleinanzeige

Ein Fourier-Lesebuch
Cover: Der Philosoph der Kleinanzeige
Semele Verlag, Berlin 2006
ISBN 9783938869093
Gebunden, 222 Seiten, 23,90 EUR

Klappentext

Zusammengestellt und kommentiert von Martin Burckhardt. Wenn die Enzyklopädien Charles Fourier als einen der sogenannten Frühsozialisten führen, so ist dieser "Frühsozialist" für den Sozialismus das, was das Frühchristentum für die Kirche ist: eine Art phantastischer Ideenspender, dessen Anziehungskraft weit über die Ruinen des realen Sozialismus hinausgeht. Das "Recht auf Arbeit", das "Ministerium der Liebe", die "freie Liebe", das "garantierte Vergnügen" - all dies sind Fourier'sche Gedankensplitter, die erst in der postmodernen Gesellschaft ihre ganze Verführungskraft entfalten. Vor allem aber ist Fourier ein Ökonom, der vorführt, dass die Quelle allen Tuns im Begehren liegt. Mehr noch: er schreitet voran, dieses Triebwerk zu ökonomisieren. Das heißt: er macht Sex zu Arbeit und Arbeit zu Sex. Seine größte Frage aber ist: Wie lässt sich eine gesellschaftliche Harmonie erreichen? Dies aber ist für ihn keine Frage von Gerechtigkeit, Ethik oder Gesellschaftsmoral, sondern vor allem die logistische Aufgabe, Angebot und Nachfrage zusammenzuführen (wie in der Kleinanzeige). Weil große Begierden einander auslöschen, geht es nur darum, die genau passenden Begierden einander zuzuführen: Topf sucht Deckel, w sucht m, Täter sucht Opfer usf.
Das Fourier-Lesebuch nimmt den Phantasten Fourier als einen Rückspiegel, um die Gegenwart zu verstehen: die Bedeutung der Hitparade, des demonstrativen Konsums, der ostentativen Arbeit. Und über alledem steht die Frage: Was kann uns Fourier über die Libidoökonomie der Gegenwart mitteilen?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.06.2007

Wenn Herausgeber Martin Burckhardt Charles Fourier als Wegbereiter der Ökonomie und der Psychoanalyse anpreist und hier auch seine Aktualität für heutige Leser festmacht, so wirkt das auf den Rezensenten Ralf Konersmann nicht nur etwas gezwungen, er sieht darin auch ein Missverständnis, was den Begriff des Aktuellen betrifft. Auch den Titel des Bandes mit ausgewählten Schriften des Sozialutopisten, Pornografen und Feministen aus dem 19. Jahrhundert findet der Rezensent eher peinlich. Fouriers Vorschläge zur Verbesserung der Welt können mit Gedanken vom Schlage Marx' oder Hegels zwar nicht mithalten, räumt der Rezensent ein, Fouriers zum Teil sehr bizarre Ideen, wie zum Beispiel die landwirtschaftliche Nutzung der Sahara oder die Organisation des Geschlechterverhältnisses als weltweites, von Frauen geführtes Bordell, lesen sich aber recht kurzweilig und interessant, wie's scheint.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2007

Bis heute bekannt ist der französische Philosoph Charles Fourier als "Frühsozialist". Er liebte die Blumen, schrieb vielerlei und war als Erbe eines Vermögens auf Einkünfte nicht angewiesen. Der Band sammelt Fourier-Texte, die bisher nicht leicht zugänglich waren, da selbst aus den von seinen Anhängern besorgten Ausgaben die anstößigen Passagen oft getilgt waren. Was Anstoß erregt hat, dürfte wohl seine Insistenz auf Eros und Libido als Kern- und Triebkraft allen Handelns und Wirtschaftens gewesen sein, vermutet der "upj" zeichnende Rezensent. Angesichts der entschiedenen Offenheit Fouriers könne einem gar Freud nur als "deutschzüngiger Nachbeter" vorkommen. Ausdrücklich gelobt wird auch der Herausgeber Martin Burckhardt, der den Band "seelenvoll begleitet".

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