Ein Selfmademan aus der Provinz hat im "Dritten Reich" große Pläne. Eine Zementwarenfabrik, ein Weingut sind im Besitz der Familie. Schon bald beteiligt sich das Familienunternehmen am Bau des Westwalls und errichtet auf dem Firmengelände ein Lager für Zwangsarbeiter, während das Weingut die Wachmannschaften des KZ Sachsenhausen mit rheinhessischem Wein beliefert: Geschäfte, die nur möglich sind durch enge persönliche Verbindungen und Seilschaften, vor Ort und bis in die NS-Führungsriege. In diesem System werden die fünf Kinder des Patriarchen auf ihre je eigene Art zu Tätern und zu Opfern. Die Autorin ist die Urenkelin des Firmengründers. Sie geht einem wachsenden Unbehagen nach, sucht in den Archiven nach Belegen für das lang Verdrängte − und wird fündig. Dabei zeigt sich: In jener 2500-Seelen-Ortschaft in Rheinhessen bündeln sich die Konflikte der Zeit wie unter einem Brennglas.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.02.2026
Ein außergewöhnliches, starkes Buch liest Rezensent Joachim Käppner. Geschrieben hat es Christina Strunck, die sich hier mit der Nazivergangenheit ihrer Familie auseinandersetzt. Es handelte sich um mittelständische Unternehmer, die eine Zementfabrik und ein Weingut besaßen, auf vielfältige Weise geschäftlich von der NS-Herrschaft profitierten und sogar ein eigenes Lager für firmeneigene Zwangsarbeiter betrieben. Strunck ist Kunsthistorikerin, ihr Buch jedoch, stellt Käppner klar, keine akademisch-geschichtswissenschaftliche Studie, sondern eher eine Mischung aus persönlicher Erzählung und Essay, wobei auch psychologische Deutungsversuche eine Rolle spielen. Gerade die oft assoziative, von Zeitsprüngen geprägte Erzählweise sagt Käppner zu. Bücher über die Verstrickung der eigenen Familie in NS-Verbrechen gab es zwar schon vorher einige, gesteht der Rezensent ein, aber Strunck fügt diesem Genre hier ein weiteres originelles Werk hinzu, das einen Blick erlaubt, auf ganz normale, mittelständische Kollaborateure der Diktatur.
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