Die Aufsteiger
Deutscher Mittelstand unter Hitler: Eine Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007836
Gebunden, 432 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Ein Selfmademan aus der Provinz hat im "Dritten Reich" große Pläne. Eine Zementwarenfabrik, ein Weingut sind im Besitz der Familie. Schon bald beteiligt sich das Familienunternehmen am Bau des Westwalls und errichtet auf dem Firmengelände ein Lager für Zwangsarbeiter, während das Weingut die Wachmannschaften des KZ Sachsenhausen mit rheinhessischem Wein beliefert: Geschäfte, die nur möglich sind durch enge persönliche Verbindungen und Seilschaften, vor Ort und bis in die NS-Führungsriege. In diesem System werden die fünf Kinder des Patriarchen auf ihre je eigene Art zu Tätern und zu Opfern. Die Autorin ist die Urenkelin des Firmengründers. Sie geht einem wachsenden Unbehagen nach, sucht in den Archiven nach Belegen für das lang Verdrängte − und wird fündig. Dabei zeigt sich: In jener 2500-Seelen-Ortschaft in Rheinhessen bündeln sich die Konflikte der Zeit wie unter einem Brennglas.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2026
Eine lesenswerte Reise in die eigene Familiengeschichte unternimmt Christina Strunck laut Rezensent Dietmar Süß in diesem Buch. Strunck stammt aus einer Industriellenfamilie, sie selbst ist die Urenkelin eines Firmengründers, dessen Betrieb primär im Baustoff- und Kohlehandel, aber auch auf anderen Feldern aktiv war. Insbesondere interessiert sich die Autorin für die Zeit des Nationalsozialismus, in der Firmenchef Johann Strunck mit den von ihm von ganzem Herzen unterstützten Nazis kollaborierte und versuchte, aus dieser Kollaboration unternehmerischen Profit zu schlagen. Tatsächlich belieferte das mittelständische Unternehmen auch Konzentrationslager und beschäftigte Zwangsarbeiter. Keineswegs wird daraus eine exemplarische Studie über die Rolle mittelständischer Unternehmen in der NS-Zeit, so Süß. Vielmehr geht es um die Aufarbeitung familiärer NS-Belastung, was in den letzten Jahren auch andere Bücher versucht haben - dennoch ist Strunck ein origineller Beitrag zum Genre gelungen. Unter anderem, weil sich nachvollziehen lässt, wie belastend die Reise in die Vergangenheit für die Autorin war, etwa, wenn sie auf Korrespondenzen im Plauderton von Familienmitgliedern stößt, die über Massentötungen berichten. Ein bisschen anstrengend liest sich das hier und da zu ausführlich und privat geratene Buch manchmal, meint Süß, dennoch lohnt sich die Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.02.2026
Ein außergewöhnliches, starkes Buch liest Rezensent Joachim Käppner. Geschrieben hat es Christina Strunck, die sich hier mit der Nazivergangenheit ihrer Familie auseinandersetzt. Es handelte sich um mittelständische Unternehmer, die eine Zementfabrik und ein Weingut besaßen, auf vielfältige Weise geschäftlich von der NS-Herrschaft profitierten und sogar ein eigenes Lager für firmeneigene Zwangsarbeiter betrieben. Strunck ist Kunsthistorikerin, ihr Buch jedoch, stellt Käppner klar, keine akademisch-geschichtswissenschaftliche Studie, sondern eher eine Mischung aus persönlicher Erzählung und Essay, wobei auch psychologische Deutungsversuche eine Rolle spielen. Gerade die oft assoziative, von Zeitsprüngen geprägte Erzählweise sagt Käppner zu. Bücher über die Verstrickung der eigenen Familie in NS-Verbrechen gab es zwar schon vorher einige, gesteht der Rezensent ein, aber Strunck fügt diesem Genre hier ein weiteres originelles Werk hinzu, das einen Blick erlaubt, auf ganz normale, mittelständische Kollaborateure der Diktatur.