Christoph Hein

Landnahme

Roman
Cover: Landnahme
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416013
Gebunden, 360 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Christoph Hein erzählt die Lebensgeschichte Bernhard Habers über fast fünfzig Jahre aus der Sicht und mit den Stimmen von fünf Wegbegleitern. Es ist der Lebenslauf eines Außenseiters in der Provinz, der mit der großen Geschichte scheinbar nichts zu tun hat und doch den Verlauf deutscher Geschichte vom zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende exemplarisch spiegelt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2004

Mit einiger Bewegung, aber nicht wirklich zufrieden beschreibt Rezensent Hubert Spiegel das Szenario dieses Romans, in dem er fünfzig Jahre deutscher Geschichte an einem ostdeutschen Städtchen vorüberziehen sieht: Kriegsende, Flucht, Hass auf Umsiedler, Mauerbau, Zusammenbruch der DDR und Wiedervereinigung. Den Held des Romans beschreibt Spiegel als "mürrischen Agenten der Anpassung", in dessen Brust er allerdings "ein Fünkchen Michael Kohlhaas" glühen sieht. Auch diesmal gelte Christoph Heins Hauptinteresse dem Formenreichtum der Deformation seiner Figuren, ihrem Wechselspiel mit dem "Akt der Selbstbehauptung". Fünf verschiedene Erzähler lasse Hein berichten, was im Städtchen Guldenburg geschah. Der Rezensent sieht sie auf 350 Seiten die Jahrzehnte durchwandern, zwischen individueller Biografie und Historie. Die dramaturgische Klammer, die Hein seinem Roman verordnet habe, um die verschiedenen Stimmen zusammenzuhalten, sei ganze zehn Seiten lang, merkt Spiegel mit dezentem Unbehagen an, dass sich angesichts des Fehlens einer politischen Perspektive noch vertieft. Hier nämlich empfindet er eine irritierende Leerstelle, die für ihn letztlich auch den Erzählfluss "einsilbig", den Roman insgesamt "seltsam diffus" wirken lässt.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.02.2004

Alle erwarten von Christoph Hein das "große Wende-Epos", und was schreibt er? Einen Einheits-Roman, meint Rezensentin Kristina Maidt-Zinke. Was vielerlei Interpretationen zuzulassen scheint. Nicht nur, dass das im Osten angesiedelte Vertriebenenschicksal des Bernhard Haber sich ebenso hätte im Westen abspielen können (wo Politik wie "fernes Gewitter" an den "geistigen Schrebergärten des Volkes" vorbeiziehe) - der Roman ziehe sich "ziemlich zäh" hin, "beschwert von hölzernen Dialogen", und verharre "ostentativ im grauen Mittelmaß". Was die Rezensentin zum (merkwürdigen) Fazit führt, dass "das, was uns eint" kein Stoff für große Literatur sein kann, sondern nur für stickige, mit "dumpfem Dunst" angefüllte Geschichten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.02.2004

Als epischen Fünfteiler, in dessen "doppelten Seitenaltären" sich der Autor als Meister zeigt, beschreibt Martin Krumbholz den neuen Roman von Christoph Hein. Im "länglichen" Mittelteil, moniert er, stehen dagegen "erzählerischer Aufwand" und "Pointe" im Missverhältnis. Dem Held Bernhard Haber, "ein von allen gemiedenes, aber eigentümlich selbstbewusstes Umsiedlerkind", geht es nicht ums Glück, dessen Abwesenheit, so der Rezensent, in Heins Büchern keineswegs beklagt wird, sondern um die Durchsetzung in "einem Biotop, das ihn auszuschließen bestrebt ist". Gelungen findet Krumbholz die Multiperspektivität des Romans, in der sich Heins Mimikrykunst zeige: Die fünf Teile, die das Leben des Helden Bernhard Haber aus je verschiedenen Perspektiven erzählen, seien nicht als Puzzleteile zu verstehen, nicht als "Mosaik", sondern als "divergente Lebensentwürfe, auf deren spezifischer Folie Habers Vita durchaus unterschiedliche Konturen annimmt."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.01.2004

Sehr eingehend widmet sich Ursula März dem Roman "Landnahme" von Christoph Hein. Die Hauptfigur Bernhard Haber, die es in einer sächsischen Kleinstadt vom verachteten Vertriebenenkind zum wohlhabenden und einflussreichen Unternehmer bringt, ist eine geradezu lehrbuchgerechte "Aufsteigerbiografie" wie auch ein "Prachtexemplar eines literarischen Außenseitertyps", so die Rezensentin fasziniert. Der "Zeit-, Provinz- und DDR-Roman" umfasst eine Zeitspanne von 1950 bis in die Nachwendejahre und berichtet in fünf verschiedenen Erzählsträngen aus der jeweils wechselnden Perspektive von Menschen, die erzählen, was sie über Haber wissen, informiert März. Sie lobt Heins "vorbildliches" Spielen mit dieser "Rondokomposition", in der der Autor "Erzählfülle" mit geschickten Lücken kombiniert. Wie viele Protagonisten Heins aber, sei Haber eine Figur, die mit "historischen, psychologischen Kategorien" nicht richtig zu greifen sei, was ihr eine Aura des Unheimlichen gebe, umschreibt März. März betont aber als eigentliche "große Stärke" des Autors seine Fähigkeit, die "Gegenstands- und Alltagswelt" zu beschwören, deren "Ästhetik der Unauffälligkeit" mit diesem unheimlichen Moment kontrastiert. Insgesamt charakterisiert die Rezensentin die "Landnahme" als "Uwe-Johnson-Brecht-Gewächs, das Kleist-Blüten hervorbringt", und darunter versteht sie kein reines Lob. Denn letztlich versuche Hein, eine "korrekte Mitteilung" an die Leser zu bringen, und das schade der Geschichte, kritisiert März, die glaubt, einem weniger geschickten Erzähler als Christoph Hein wäre diese Intention zum Verhängnis geworden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.01.2004

Christoph Heins neuer Roman hat für Ina Hartwig eindeutig das Zeug zum "Klassiker", und das gleich aus mehreren Gründen: "Er liegt thematisch im Trend, ist formal so perfekt wie ein goldener Schnitt, und vor allem streift er die Dimension einer griechischen Tragödie". Denn mit der Geschichte um den Flüchtlingssohn Bernhard Haber erzähle Hein die Geschichte eines "Racheverzichts" (Bernhards Vater wird erhängt aufgefunden), der die soziale "Integration" der schlesischen Flüchtlinge in ihr neues Umfeld erst ermöglicht habe. Haber selbst kommt in seiner eigenen Geschichte nicht zu Wort: Fünf andere Figuren lassen ihn in ihren Erzählungen entstehen. Bemerkenswert findet die Rezensentin, dass es Hein gelingt, gleichzeitig ein "Psychogramm einer zunächst noch diffusen, dann sich verhärtenden, schließlich überwundenen DDR" und ein "Spektrum von Charakteren im La Bruyere'schen Sinne" zu zeichnen. Und indem Hein diese beiden "Sphären" ständig miteinander verwebe, vermeide er glücklicherweise "einfache Kausalbeziehungen", etwa zwischen " Herkunft und Werdegang". Zwar stört sich die Rezensentin ein wenig an der zwangsläufigen Begrenzung der Rollenprosa, die der Komplexität des "zeitgeschichtlichen Kontextes" nicht ganz gerecht werden kann, weil sie sich strikt innerhalb des Figurenhorizonts bewegt, doch schmälert dies nicht den Stellenwert dieses Romans, der zur "Differenzierung" in der Diskussion um das Leid der deutschen Vertriebenen beiträgt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.01.2004

Dieser Roman, findet Jörg Magenau, ist das Buch, "auf das in der Wendezeit so heftig gewartet wurde". Was aber nicht heißen soll, dass es zu spät kommt, im Gegenteil. Erst jetzt, meint der Rezensent nämlich, könne man eine solche Geschichte in einem solchen Ton wirklich würdigen. Die Geschichte ist im Kern die von Bernhard Haber, der als Junge aus Schlesien nach Guldenberg kam, ins Sächsische, wo der Roman dann spielt. Erzählt wird er von fünf Ich-Erzählern, um Haber herum, deren Schicksale so unaufdringlich mit ins Bild kommen. Das Leben des Bernhard Haber, das im Zentrum steht, ist ein Erfolg, auch wenn es wegen der Anfeindungen gegen den Ost-Flüchtling zunächst nicht so aussieht. Haber wird, in der DDR, Fluchthelfer, später ein erfolgreicher Geschäftsmann, dem rassistische Anwandlungen nicht fremd sind. Was Magenau an diesem Roman gefällt, ist die nichts verharmlosende Gelassenheit, mit der Hein von der nachkriegsdeutschen Fremdenfeindlichkeit (gegen Deutsche und Nichtdeutsche) erzählt, ist die "Intelligenz der Konstruktion" und die Genauigkeit des Blicks auf das alltägliche Leben.
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