Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Debüts zuerst! Franziska Gerstenbergs Erzählband "Wie viel Vögel" () hat die NZZ fast zum Weinen gebracht. Franz Haas ließ jede Deckung fallen und feierte eine junge ostdeutsche Autorin, die ganz ohne ostalgischen Rückblick auf ihre Kindheit in der DDR auskommt, die statt dessen "Momentaufnahmen aus dem neuesten Deutschland" liefert und mit "leuchtenden Bildern und funkelnden Wendungen" die Alltagsmisere im Osten beschreibt. Auch die taz zeigt sich beeindruckt von der Präzision, mit der Gerstenberg die unterschiedlichen Fluchtversuche ihrer kraftlosen jungen Leute beschreibt. Und die FAZ, die dem Buch den Aufmacher der Frühjahrsbeilage widmete, wundert sich, in wievielen Facetten Gerstenberg den grauen Himmel über Deutschland schillern lässt. 
Ein wahrer Lorbeerteppich wurde für Dorota Maslowska ausgebreitet. Ihren Debütroman "Schneeweiß und Russenrot" () schrieb sie mit achtzehn Jahren, in Polen wurde er ein Bestseller. NZZ und FAZ sind fasziniert von dem "farbenprächtigen Jugendslang" des jungen Andrzej, der - von seiner Freundin verlassen - auf der Suche nach tröstlichen Drogen eine namenlose Stadt durchstreift. Richard Kämmerlings rühmt Maslowskas "stupendes Sprachvermögen". Wir "werden Zeuge von Poesie", erklärt Adam Olschewski in der NZZ.
Dreiunddreißig Kapitel, in denen der Ich-Erzähler, ein "heiliger Franziskus des Hausrats" (SZ) und "gläubigen Sitzpinkler" (FAZ) dreiunddreißig Mal aufsteht, sich Frühstück macht und dem Leser mitteilt, was ihm dabei so durch den Kopf geht. Klingt nicht gerade wie ein Heuler. Aber Nicholson Bakers Roman "Eine Schachtel Streichhölzer" () hat die Rezensenten einfach glücklich gemacht. Der Mann kann eben schreiben. Nach einer Weile entfaltet das Buch "metaphysische Feuerkraft" schwärmt Thomas E. Schmid in der Zeit. "In seiner Harmlosigkeit sensationell", findet es Ina Hartwig (FR). Baker gießt einen fast überirdischen Glanz über die Trivialitäten des Alltags, staunt Thomas Steinfeld in der SZ.
Zwiespältig, aber doch mit Interesse aufgenommen wurde Thorsten Beckers türkische Familiensaga "Sieger nach Punkten" (), ein Roman, dem die FR "Ironie und feinen Humor" bescheinigt, während die FAZ, auch wenn sie die Eleganz der Sprache lobt, nach einer Weile ermüdete und "türkische Geschichtsklitterung" witterte. Ebenfalls gut besprochen wurden Monica Alis Debütroman über die Bangladesher Immigrantenszene in der Londoner "Brick Lane" (), DBC Pierres "Jesus von Texas" (), der Gewinner des diesjährigen Booker Preises, und Rujana Jegers "Darkroom" (), ein Roman, der laut SZ trocken witzig die Dynamik einfängt, die sich zwischen dem allgegenwärtigen Krieg und dem Privaten in Kroatien entwickelt.
Auf das liebevollste wurde A.L. Kennedys Roman "Also bin ich froh" () aufgenommen. Die taz war zu Tränen gerührt von der Liebesgeschichte, in der ein gewisser Cyrano de Bergerac wie der flammende Dornbusch im Alten Testament leuchtend auf dem Küchenstuhl seiner Angebeteten sitzt. Die NZZ ist begeistert vom Zusammenstoß eines romantischen Helden mit einer modernen Heldin, die sich beim Sex fühlt wie ein "Mörderwal, der verzweifelt versucht, einen Brief zu öffnen". Stilhöhe und Gedankentiefe sind einander ebenbürtig, staunt die FAZ.
Sehr gut besprochen wurde das Debüt des Briten Adam Thirlwell. "Strategie" () ist ein Roman über Sex, ein "absolut zeitgemäßes Buch", wie die taz meint, dass einen unterhaltsamen, aber auch ernüchternden Blick auf die körperliche Liebe zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirft. Auch die SZ hatte viel Spaß beim Lesen, warnt jedoch, der Leser müsse bereit sein, sich der "Erzähl-Domina" zu unterwerfen.
Jedes Jahr ein neues Buch von Stewart O'Nan, doch "Halloween" () hat eingeschlagen, wie sonst nur ein sensationelles Debüt oder ein frisch übersetzter Klassiker. Worum geht's? In einem Städtchen in der amerikanischen Provinz leiden zwei Teenager an den Folgen eines schweren Autounfalls. Drei ihrer Freunde sind dabei ums Leben gekommen. Und diese drei Toten führen den Leser durch den Roman ... In der FAZ zeigt sich Richard Kämmerlings tief beeindruckt von dieser "Abkürzung zur Great American Novel durch den Thrillerwald". Der "sanfte Hexenmeister" O'Nan, schreibt der Schriftsteller Georg Klein bewundernd in der SZ, lehrt uns alte Europäer, die die Bedeutung von Fasching und Karneval vergessen haben, den amerikanischen Totenkult. "Detailgesättigt" und spannend findet die Zeit den Roman, und auch taz und FR sind begeistert.
Glänzende Kritiken gab es für Michael Frayns "Das Spionagespiel" (), ein Roman über zwei Jungs, die während des Zweiten Weltkriegs in der englischen Provinz eine Verschwörung wittern: die Mutter des einen, so scheint es, ist eine deutsche Spionin. Elegant, kunstvoll und geschmeidig wechselt Frayn zwischen kindlicher und erwachsener Erzählweise hin und her, lobt Ulrich Greiner in der Zeit. Die taz nennt das Buch einen feinen Roman über das Übel des Erwachsenwerdens.
Sechzehn Männer kämpfen bei einem Turnier im "Paradies der Schwerter" () gegeneinander, nur einer überlebt. Tobias Meißners Roman hat Lorenz Jäger (FAZ) verstört - er hat keine literarische Kategorie dafür gefunden. Imponiert hat dem Rezensenten die Erfindung immer neuer Motive für die Teilnahme an den blutigen Kämpfen, und fast verblüfft fühlt er sich am Ende auch über die Gegenwart unterrichtet. Auch Christoph Bartmann (SZ) war trotz der teils hölzernen Sprache fasziniert.
In Gilles Roziers Roman "Eine Liebe ohne Widerstand" () versteckt ein "Ich" einen jüdischen Schneider vor den Nazis. Seine Schwester verliebt sich derweil in einen Nazi-Offizier. Leider konnten die Rezensenten den Mund nicht halten und haben einige Details verraten, die wohl zum Spannendsten des Romans gehören. So bleibe lange Zeit unklar, ob die "namenlose, hybride Erzählerfigur" ein Mann oder eine Frau ist. Doch "die Frage nach Mann oder Frau entpuppt sich als ganz so banal und zum Verwechseln ähnlich wie jene nach Jude oder Goi", schreibt ein faszinierter Volker Breidecker in der SZ. Auch FAZ und FR haben den Roman sehr gelobt.
Die schärfsten Verrisse handelte sich Thor Kunkel mit seinem Roman "Endstufe" () ein. Rowohlt hatte das Manuskript über die Nazi-Pornoszene abgelehnt, der Eichborn Verlag hat es nun veröffentlicht. Für Robin Detje (SZ) ist es ein "offen revanchistischer und antiamerikanischer" Roman. Die taz hat sich zwar streckenweise unterhalten, konnte aber am Ende die Leier von den "armen, verführten Deutschen" nicht mehr hören. Und FAZ-Rezensent Richard Kämmerlings ekelt sich förmlich vor dem "verschwitzten Kasino-Ton" der Protagonisten.
Das ist kein Buch, erklärt Brigitte Kronauer in der SZ, das "ist ein Orkan, in dem man "überspült und durchbraust" wird. Victor Hugos Roman "Die Arbeiter des Meeres" () über einen Fischer, der ein Boot bergen will, um die Hand der Reederstochter Deruchette zu erobern, beweise "mit Glanz, Orkan und Gloria, zu welchen archaischen Erschütterungen, ja Herrlichkeiten Literatur fähig ist". Vor allem die Literatur des 19. Jahrhunderts! Joseph Hanimann rühmt in der FAZ Rainer G. Schmidts "prachtvolle Neuübersetzung" dieses "ozeanischen Werkes", das zu Hugos besten Romanen zähle. Wir sind entzückt von den enthusiastischen Kritiken und regen ein Porträt Mirko Schädels an, der mit seinem Ein-Mann-Verlag Achilla Presse - der Himmel weiß wie - die erste ungekürzte deutsche Übersetzung dieses Klassikers finanzierte.

Mit größtem Lob bedacht wurden außerdem Elisabeth Edl für ihre Neuübersetzung von und ihr höchst hilfreiches Nachwort zu Stendhals "Rot und Schwarz" (), Claudia Ott für ihre unvergleichliche Neuübersetzung von "Tausendundeine Nacht" (homepage, ) und Swetlana Geiers Übersetzung von Dostojewskis "Brüder Karamasow" (): Eine echte Alternative zum Original, schwört Ilma Rakusa in der NZZ. Paul Ingendaay rühmt in der FAZ das "vibrierende Deutsch" der Übersetzung. In der FR erklärt Yaak Karsunke die Karamasows für "reaktionär". Wen zum Teufel kümmert das? Soll er doch künftig die Beigbeders der Saison () besprechen.