Die SED-gesteuerte Geschichtsschreibung brachte zwar eine Flut von Heldengeschichten zur Arbeiterklasse im "ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat" hervor, doch keine kritische Studie, die auch die sozialen Konturen der neuen Gesellschaft nachzeichnet. Durch eine umfassende sozial- und kulturhistorische Darstellung wären Spannungslinien und Interessenkonflikte offen gelegt worden, die das Bild "der Arbeiterklasse" bunt und widersprüchlich gestaltet hätten - nicht nur mit Blick auf die Erhebung vom 17. Juni 1953, sondern auch auf das Verhalten von Arbeitern in den Betrieben und ihr tägliches Leben. Außerdem konnte sich die SED bei ihrem Versuch, eine »Diktatur des Proletariats« zu verwirklichen, nie dem politischen und sozialen Magnetfeld der Bundesrepublik entziehen. Dies unterschied die Entwicklung einer "verstaatlichten" kommunistischen Arbeiterbewegung in der DDR von den osteuropäischen Volksdemokratien.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2008
Das Anführungszeichen im Titel macht einen der fundamentalen Zweifel deutlich, auf die dieses "opus magnum" des Historikers Christoph Kleßmann hinausläuft. Abgesehen davon, dass die DDR mit ihren zehn Prozent in der Landwirtschaft Beschäftigten kein Bauernstaat war - auch den Titel Arbeiterstaat hat sie sich nur sehr bedingt verdient. Vor allem, weil es der Führung nicht gelang, die Arbeiterschaft, in der lange sozialdemokratische Impulse spürbar blieben, auf die Linie des Sowjetsozialismus zu bringen. Die Lösung, die sich fand, war die Brigade als "kollegiale Werksgruppe am Arbeitsplatz". Die Brigaden allerdings entwickelten ihre "Eigendynamik" und verkörperten geradezu die produktivitätshemmende DDR-Mentalität einer "Mischung aus Meckern, Mitmachen und Verweigern". Kleßmann konstatiert deshalb ein Paradox: Politisch war die Arbeiterklasse schwach, gesellschaftlich aber zu stark für die reibungslose Durchsetzung der Staatsideologie. Der Rezensent Günther Heydemann findet die Studie durchweg bewundernswert, staunt über die "beeindruckende Fülle unterschiedlichster Quellen" und prognostiziert, dass das Buch "auf Jahre hinaus" ein Standardwerk der Forschung bleiben wird.
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