Skandal in Königsberg
Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2025
ISBN
9783421070494
Gebunden, 224 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Königsberg, die verschlafene Kleinstadt und einstige Residenz von Immanuel Kant, wird in den späten 1830er-Jahren zum Schauplatz eines spektakulären Skandals, der zwei lutherischen Predigern zum Verhängnis werden soll. Sensationelle Anschuldigungen und dunkle erotische Geheimnisse erschüttern das Vertrauen der Gemeinschaft und versetzen die preußischen Behörden in Aufruhr. Clark erzählt, wie religiöser Eifer, sexuelle Ausschweifungen und menschliche Unberechenbarkeit die Stadt ins Chaos stürzen, zu einer Zeit, in der moralische Fehltritte als Vorboten neuer Unruhen gefürchtet wurden. Eine kaum bekannte Episode aus dem alten Preußen - und ein Skandal, der überraschende Parallelen zur Gegenwart aufweist.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2026
Rezensent Miloš Vec bespricht angeregt dieses Buch, in dem sich Christopher Clark mit einem vergessenen Skandal aus den Dreißigerjahren des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Es geht um zwei Kirchenleute, die eine kleine lutherische Sekte gründen - auf der Basis einer sehr wörtlichen Auslegung der Bibel. Es geht Clark vor allem darum, darzustellen, warum daraus überhaupt ein Skandal entstand, schließlich waren die Ausführungen der Prediger zwar ein bisschen obskur, aber nicht wahnsinnig spektakulär. Eine Rolle spielte dabei, zeigt Clark, dass vor allem Frauen sich von der neuen Lehre angesprochen fühlten, und zwar, weil in ihr sexuelle Fragen, die sonst in der Glaubenspraxis ausgespart blieben, angesprochen wurden. Weiterhin geht es im Buch um eine neue Form der Medienöffentlichkeit, die um den Skandal herum entsteht. Abschließende Werturteile enthält die Besprechung nicht, aber interessant scheint der Rezensent das alles durchaus zu finden.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.02.2026
Rezensent Cord Aschenbrenner liest mit dieser neuen Veröffentlichung des australischen Historikers und Preußen-Experten ein "Stück anschaulicher Mikrogeschichte". Was in dem letzten Monumentalwerk des Historikers, "Preußen. Aufstieg und Niedergang", bloß eine Seite einnahm, wird hier in den Mittelpunkt gerückt: In den 1830er Jahren türmten sich im preußischen Ministerium Beschwerden über eine in Königsberg gegründete, pietistische Sekte, die besonders immer mehr Frauen bekannter Familien zu unangemessener sexueller Freizügigkeit bewegte, lässt uns Aschenbrenner wissen. Tatsächlich hatte der Königsberger Prediger Johann Wilhelm Ebel eine solche Gruppe gegründet, basierend auf den mystischen Lehren des exzentrischen Theosophen Johann Heinrich Schönherr, dem der Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau als heilige Wiederholung der Entstehung des Universums galt. Da das Vorgehen der Sekte sowohl preußischen Moral- als auch Staatsvorstellungen widersprach, wurde dem Prediger und seinem Kollegen Diestel der Prozess gemacht, der weit über Preußen hinaus Bekanntheit erlangte, erzählt Aschenbrenner. Beide verloren ihre Ämter und wurden gesellschaftlich verunglimpft, obwohl ihnen nie ein Vergehen nachgewiesen werden konnten, worin Aschenbrenner eine interessante Verbindung zu modernen Medienskandalen sieht.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 06.12.2025
Ziemlich interessant findet Rezensent Dirk Schümer diese "Mikrohistorie", die der auf preußische Geschichte spezialisierte Historiker Christopher Clark da ausgegraben hat: 1835 befindet sich Preußen mitten im Vormärz, alles, auch die Kirche, unterliegt Reformen, die nicht bei allen gleich gut ankommen. Auf den "Vernunftsprotestantismus" hatte nicht jeder Lust, erfahren wir, viele "Konvertikler" hielten eigene Bibelzirkel ab, in denen die Sexualität eine große Rolle spielte. Zwei der Abweichler, Johann Wilhelm Ebel und Georg Heinrich Diestel, sind letztlich vor Gericht gelandet: Angeklagt wurden sie von Männern, die selbst etwas zu verbergen hatten und für ihre Anklage keine Beweise vorbringen mussten. Es reichte etwa die Anschuldigung, Ebel habe Paare beim Sex beobachtet, resümiert Schümer. Ihm gefällt, wie Clark aufzeigt, dass im vermeintlich frommen Preußen doch das ein oder andere unter der Oberfläche brodelte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 29.11.2025
Ein Christopher Clark vermag sogar "scheinbar abseitige" Kapitel der Geschichte im großen Rampenlicht erstrahlen zu lassen, staunt Rezensent Hans von Trotha. In gewohnter Kombination von historischer Expertise und Sinn für Dramatik widmet sich der australische Historiker hier einem "Stellvertreterkonflikt" im provinziellen Königsberg zu Anfang des 19. Jahrhunderts: es geht im Größeren um die (Un-)Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft, im Kleineren um zwei Prediger, die sich in einer brodelnden Gemengelage aus Gerüchten, medialer Hysterie und Machtstreitigkeiten zwischen Kirche und Staat verstricken; sexuelle Ausschweifungen inklusive. Wie Clark diesen Stoff wieder geradezu Netflix-reif aufarbeitet, aber nicht auf Kosten einer scharfen Analyse des Zusammenhangs von Theologie, Zeitgeschichte, Verwaltungsfragen und Öffentlichkeit, scheint dem Kritiker zu imponieren. Ein gewohnt großkalibriges, vielleicht ganz leicht überladenes Buch, lässt von Trotha abschließend durchblicken, bleibt aber prinzipiell anerkennend.