Martin Walsers im Frühsommer 2002 erschienener Roman "Tod eines Kritikers" provozierte einen Literaturskandal in der Bundesrepublik Deutschland. Der "Offene Brief", mit dem Frank Schirrmacher Ende Mai 2002 kundtat, dass die von ihm mitherausgegebene "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Vorabdruck entschieden ablehne, sorgte für Reaktionen, die sich rasch von ihrem Gegenstand entfernten und eine Debatte von großer Heftigkeit heraufbeschworen. Martin Walser - so das Tremolo seiner Gegner - arbeite in seinem Roman mit antisemitischen Klischees und sei allein vom Hass auf seinen Widerpart Marcel Reich-Ranicki geleitet. Die Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer und Helmuth Kiesel treten mit ihrem Sammelband "Der Ernstfall" diesem Skandal entgegen.
Der Pulverdampf über der wohl überflüssigsten Feuilletonschlacht der letzten Jahre - nämlich der Debatte um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" - hat sich verzogen, jetzt nimmt sich die Wissenschaft der Sache an. Dieter Borchmeyer und Helmut Kiesel drücken sich und den Beiträgern des Bandes das feinere Besteck in die Hand und untersuchen das einst schon vor seiner Veröffentlichung zu Tode polemisierte Werk. Und, siehe da, von Antisemitismus keine Spur, nirgends. Im Gegenteil, meint Hans-Jürgen Gehrigk in seinem Aufsatz, das Buch mache vielmehr die Entstehung von Antisemitismus zu seinem Thema. Leo Kreutzer entdeckt Nähen zu Thomas Mann, Goethe, Nietzsche und zum Walserschen Gesamtwerk. Norbert Greiner stellt fest, dass man in England über das deutsche Gezeter nur lachen kann, dort erscheine die Satire eher als "dünner Aufguss" viel schärferer Werke von Swift bis Waugh. Und der Rezensent Jörg Magenau? Er scheint nicht immer glücklich mit Walsers ständigen Provokationen, stellt aber fest: "Doch je heftiger die Reaktionen der Korrektheitswächter, umso drastischer hat er Recht. Das ist das Elend."
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