Aus dem Amerikanischen von Werner Roller. Von Finnland bis Italien verändert derzeit ein Hirngespinst die politische Landschaft Europas: der Mythos der Überfremdung. Dem Weltbild paranoider Extremisten wie Anders Breivik oder der Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle, dem Thesen-Anschlag eines Thilo Sarrazin und den Programmen skandinavischer "Heimat"-Parteien ist dabei eines gemein - ihre fremdenfeindliche Rhetorik bedient sich vermeintlich stichhaltiger wissenschaftlicher Argumente. Mit den zu Fakten verbrämten Vorurteilen räumt Doug Saunders in seinem neuen Buch Punkt für Punkt auf. Saunders' Abrechnung verfolgt die Herkunft sämtlicher Halb- und Unwahrheiten, die eine Überfremdung des Westens durch muslimische Migranten belegen sollen, zurück und entlarvt sie als das, was sie sind. Dabei wird erschreckend deutlich, dass Positionen, die noch vor ein paar Jahren als Parolen vom rechten Rand gegolten hätten, heute im Mainstream kultureller, politischer und sozialer Sichtweisen angekommen sind.
Instruktiv findet Andreas Fanizadeh diese Abrechnung mit dem "Mythos Überfremdung" von Doug Saunders. Im Mittelpunkt sieht er eine grundlegende Kritik der Horrorszenarien rechter Politiker, die durch die angeblich exorbitante Fruchtbarkeit muslimischer Migranten das Abendland bedroht sehen. Zwar scheint ihm die Untersuchung von bevölkerungspolitischen Statistiken insofern nicht ganz unproblematisch als Saunders in seiner Widerlegung des Überfremdungsmythos ebenfalls Abstammungskriterien zugrunde legt. Nichtsdestoweniger hält er die Auswertungen des Autors für höchst aufschlussreich. So wird für ihn etwa deutlich, dass von einer islamischen Unterhöhlung Europas durch eine Geburtschwemme nicht die Rede sein kann, da sich schon in der zweiten Generation die Geburtenraten von Migranten und Alteingesessenen angleichen. Kritisch merkt der Rezensent noch an, dass die Interpretationen des Autors in einigen Punkten auf einer heute überholten, linken Antiimperialismustheorie basieren.
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