Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie hört nie auf und entfaltet sich in unseren Händen. Das schreibt Edmund de Waal in seinem neuen Buch, das ihn zurückführt in die Pariser Rue de Monceau, in der einst sein Vorfahre Charles Ephrussi den berühmten "Hasen mit den Bernsteinaugen" hütete, wo in unmittelbarer Nachbarschaft Marcel Proust wohnte und wo der Bankier Moïse de Camondo aus Konstantinopel ein Palais errichten ließ, in dem sich heute ein seit 1936 unverändertes Museum befindet. Niemand war zufällig in dieser "Straße der Anfänge", sagt de Waal und beginnt, imaginäre Briefe an Moïse zu richten, über die vielfältigen Beziehungen ihrer beiden Familien, über Assimilation, Großzügigkeit, privates und öffentliches Leben und immer wieder über die Bedeutung der Erinnerung und dass es keinen "Schlussstrich" geben kann und darf.
Auch in diesem Buch erzählt Edmund de Waal von einer sehr reichen, Kunst sammelnden jüdischen Familie. Diesmal aber nicht - wie in "Der Hase mit den Bernsteinaugen" von seiner eigenen, sondern von den Camondos, erzählt Rezensentin Christine Brinck. Im Buch schreibt de Waal 58 fiktive Briefe an Moise Camondo, der in seinem prächtigen Pariser Palais sitzt, in dem er 1936 starb. Der Rest der - gänzlich assimilierten - Familie wurde von den Nazis ermordet. Mit Ausnahme von Irene Camondo, lesen wir, die überlebte und ihr Porträt von Renoir an den Waffenlieferanten der Nazis, Emil Georg Bührle verkaufte. Doch darum geht es nicht. Vielmehr führt uns de Waal laut Rezensentin durch das Palais, erzählt die Geschichte seiner Kunstgegenstände, Vasen, Teppiche und Fotos, und macht so eine Facette des Französischen lebendig, eine Lebensart und ein Kulturverständnis, die untergegangen ist. Ein "herzzerreißendes Buch", so Brinck.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2021
Rezensentin Ursula Scheer rührt es ans Herz, wie Edmund de Waal in seinem Briefroman die Welt des kunstsinnigen jüdischen Bankiers und Sammlers Comte Moise de Camondo im Paris um 1900 auferstehen lässt. Anhand der im Museum bewahrten Artefakte aus dem Haus Camondo setzt der Autor laut Scheer eine Konversation in Gang, die Familiengeschichte (die eigene wie die Camondos) und Kulturgeschichte zugleich ist und Literarisches wie Archivalisches "meisterlich" vereint.
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