Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts: Im Schloss von Versailles wird dem jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte von höchster Stelle ein Auftrag erteilt. Er soll den Friedhof der Unschuldigen demolieren, der, mitten in Paris gelegen, Hunderttausende von Toten beherbergt und dessen Ausdünstungen die Stadt langsam vergiften, so dass der Wein in den Kellern zu Essig wird, Fleisch binnen Minuten verfault. Aber es soll möglichst unauffällig geschehen, der Pöbel ist abergläubisch und will die Totenruhe nicht gestört sehen. Miller erzählt diese Geschichte vom Vorabend der Revolution und den widerstreitenden Kräften des Alten und des Neuen in einer kühnen, eleganten Prosa.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2013
Mit viel Lob bespricht Rezensent Martin Halter Andrew Millers neuen Roman "Friedhof der Unschuldigen", der seiner Meinung nach sowohl der "großen Sinnlichkeit" eines Patrick Süßkinds, als auch dem Eindruck historischer Unmittelbarkeit einer Hilary Mantel gerecht wird. Gebannt liest der Kritiker die Geschichte um den jungen und sensiblen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte, der im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen zum Schutz der Pariser vor Leichengift, Fäulnis und Gestank mit der Planierung eines Friedhofs beauftragt wird. Der Rezensent erfährt nicht nur, dass der Friedhof einst als lärmender Markt- und Arbeitsplatz für Gauner, Straßenkinder und Prostituierte galt, sondern erlebt auch, wie im Laufe der Umbettung der Toten die Stadt von einer Untergangs-Atmosphäre heimgesucht wird: Baratte wird fast tot geschlagen, sein ehemaliger Freund Lecoeur vergewaltigt die Tochter des Küsters und Arbeiter brennen die Kirchen nieder. Auch wenn der Kritiker die zahlreichen Gothic-Effekte und die verschwenderische Symbolik bisweilen zu "aufdringlich" findet, hat er doch einen spannenden, informativen und mit philosophischen Debatten angereicherten Roman gelesen.
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