Edouard Louis

Der Absturz

Roman
Cover: Der Absturz
Aufbau Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783351039578
Gebunden, 222 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Die Geschichte von Louis' Bruder ist die eines ständig scheiternden Träumers: In der Arbeitswelt ohne Aussicht, wünscht er sich ein größeres Leben. Eines, in dem er Kathedralen restauriert, die Welt bereist und die Liebe seines Vaters verdient. Doch nichts davon lässt seine Wirklichkeit zu, er versinkt in Alkohol- und Spielsucht und bleibt ein tragischer Phantast. Dieses Buch ist ein schonungsloses und doch zartes Porträt des Bruders, der in berührenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.11.2025

Rezensent David Hinzmann spricht kaum über das neue Buch von Édouard Louis, sondern viel über die literarische und politische Bedeutung seines Gesamtwerks, in das sich "Der Absturz" als gelungener Schlusspunkt einfüge. Für unverzichtbar und richtungsweisend hält Hinzmann die Bücher, die alle autobiografisch aus der prekären Kindheit des Franzosen in der abgehängten Arbeiterklasse erzählen. So peinlich die Verwunderung darüber damals war, so deutlich tritt das darin Geschilderte heute als Erklärung für den globalen Rechtsruck hervor, vermittelt der Kritiker. Das diese politische Wucht nicht gänzlich "unbezahlt" blieb - Hinzmann verzeichnet eine qualitative "Delle" in Louis' Schreiben, wo die soziologischen "Brillanz" vorübergehend flöten gegangen sei -, fällt für ihn am Ende nicht ins Gewicht; der Schriftsteller habe auch dazugelernt und sich in "Anleitung, ein anderer zu werden" (2022) endlich der "Frage seiner Handlungsmacht gestellt", die (glücklicherweise, so Hinzmann) unangenehme Antworten mit sich brachte - und die er auch im aktuellen Buch weiterverfolge: Zentrum ist hier die Entfremdung von seiner Familie. Für den Kritiker ein starker Abschluss dieses Werks mit dem unschätzbaren Wert, "unser Denken auf links gedreht" zu haben.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 31.10.2025

Seine literarische Karriere hat Édouard Louis darauf aufgebaut, seine Familie zu analysieren und zu erforschen, die er in ihrem "subproletarischen" Milieu früh hinter sich gelassen hat, um in Paris zum Intellektuellen werden zu können, erinnert Rezensent Jörg Magenau. Nun ist sein Bruder gestorben und er widmet sich dessen Leben: Der Vater hat sich nicht gekümmert, er neigt zur Gewalt und zu Aggressionen, Louis fragt sich, wieso er so geworden ist und lässt keine simplen Erklärungen gelten, resümiert Magenau. Für ihn bilden diese von Schmerz, Enttäuschung und Demütigungen geprägten Episoden, die der Autor hier über seine Familie schreibt, eines seiner bisher besten Bücher.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.10.2025

Ivana Sokola hofft, dass dies der letzte von Edouard Louis' Romanen über seine Familie ist. Das Buch geht ihr merklich auf die Nerven. Louis' Bericht über seinen Stiefbruder, dessen Tod der Anlass für den Text ist, gerät dem Autor laut Sokola zur Belehrung und Geringschätzung des Bruders über den Tod hinaus. Die interessante Frage, wieso die Brüder so unterschiedliche Wege gegangen sind, Louis wurde gefeierter Schrifststeller, der Bruder trank, scheiterte und starb früh, wird im Buch nicht verfolgt oder beantwortet, bedauert Sokola. Stattdessen bleibt Louis in der eigenen Perspektive gefangen und bestätigt in der Erinnerung an den Toten nur seine Sicht der Dinge.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025

Rezensent Lorenz Füsselberger hat nicht den Eindruck, dass Edouard Louis in diesem Buch viel Neues zu sagen hat. Ein weiteres Mal widmet sich der Autor einem Mitglied seiner Familie, nämlich seinem älteren Bruder, der hier, lesen wir, keinen Namen trägt. Wieder erklärt Louis das Leben seiner Verwandten vor allem als eine Geschichte sozialer Determination - es sind die gesellschaftlichen Umstände, die den Bruder zu dem brutalen, hassenswerten Menschen machen, als den der Autor ihn beschreibt, individuelle Entscheidungsfreiheit spielt hingegen keine Rolle. Füsselberger geht auf einige Aspekte dieses von Louis geschilderten Lebenswegs näher ein und kritisiert anschließend, dass Louis nicht genau genug argumentiert, etwa wenn es um den Zusammenhang von Männlichkeit, psychischer Krankheit und sozialer Klasse geht. Vieles wird hier nur angerissen und gleich wieder fallen gelassen, ärgert sich der Rezensent, auch die immer wieder auftauchenden Zitate von Freud, Didion und anderen stehen unverbunden in der Gegend herum. Das Ganze liest sich inzwischen wie eine wohlbekannte Masche, findet Füsselberger, der hofft, dass Louis bald einen anderen Dreh findet für sein Schreiben.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.10.2025

Rezensent Tilman Krause scheint mit Édouard Louis' neuem Roman mehr anfangen zu können, als mit dessen früheren Werken, in denen der französische Autor so unerbittlich wie kein anderer das Leben der Prekarisierten beschrieb - anhand seiner eigenen Familiengeschichte, gestützt auf die soziologischen Theorien seines intellektuellen Vorfahren Didier Eribon. In "Der Absturz" widmet sich Louis nun der Geschichte seines älteren Bruders, mit dessen titelgebendem Absturz er seine Familiengeschichte abschließt, lesen wir. Sehr "erfreulich" findet der Rezensent, dass der Autor sich hier nicht wie zuvor in "Thesen versteigt" darüber, inwiefern soziale Faktoren, das Gesundheitssystem etwa, verantwortlich zu machen sind für die Schicksale seiner Familie. Stattdessen bemerkt der Autor immer wieder: "Ich weiß es nicht" und erzählt, nach Krauses Lesart, doch eher von einer Erfahrung, die in allen Gesellschaftsschichten zu allen Zeiten gemacht wurde: Der Verlust von Illusionen, der zum Absturz führen kann.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2025

Nach Mutter, Vater und natürlich sich selbst widmet sich Edouard Louis in seinem neusten Werk nun dem Bruder, der früh Suizid beging. Enstanden ist ein besonderes Buch in Louis' vielbändigem Familienroman, versichert Rezensent Volker Weidermann, beeindruckt, wie der Autor gegen die Gleichgültigkeit ankämpft, die der Tod des Bruders in ihm auslöste. Jener hatte große Träume, die vom Vater, von Chefs, vom ganzen Leben Stück für Stück zerstört wurden - in Folge wurde er gewalttätig, insbesondere gegen den schwulen Bruder Edouard, erfahren wir. Wie der sich in diesem Buch Mitgefühl für den Bruder erkämpft, findet Weidermann so "erhellend" wie "mitreißend".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.09.2025

So richtig überzeugt ist Judith von Sternburg nicht von Édouard Louis' neuem Buch, das sich in seinen Zyklus über die Familie fügt. Diesmal ist die Hauptperson sein älterer Halbbruder, der an seine Alkoholsucht starb. Das nimmt der Autor im Buch gelassen zur Kenntnis, seine Mutter hingegen ist verzweifelt, was er wiederum nicht versteht, denn er hat den Bruder gehasst, erfahren wir. Er sammelt sozusagen Argumente gegen den Bruder, macht sich Gedanken, analysiert, warum dessen Leben auf die schiefe Bahn geriet, nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte. Er wird zum Schläger, zum Herumtreiber, hilft aber auch dem kleinen Bruder beim Renovieren, so Sternburg. Ihr ist das zu verhalten, um wirklich zu überzeugen: Vielleicht ist der Hass auf den Bruder doch zu stigmatisiert, vielleicht hat der Autor ein schlechtes Gewissen, allerdings wird die bei ihm stets präsente Klassenfrage doch ganz interessant verhandelt. Die Kritikerin merkt Louis das Gefühl der Befreiung an und ist gespannt auf sein nächstes Buch.

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