Am Himmel die Flüsse
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN
9783446280083
Gebunden, 592 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Narin ist neun, als in dem ezidischen Dorf am Tigris Planierraupen auftauchen. Ihre Heimat soll einem Dammbauprojekt der türkischen Regierung weichen. Die Großmutter, fest entschlossen, die Enkelin an einem ungestörten Ort taufen zu lassen, bereitet alles für die Reise ins heilige Lalisch-Tal vor. Kurz vor Aufbruch stößt Narin auf das Grab eines gewissen Arthur - direkt neben dem ihrer Ururgroßmutter Leila. Wer war dieser "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere", der Junge aus dem viktorianischen London, von den Ufern der verschmutzten Themse? Und was hat er mit Narins eigener Vertreibung zu tun? Elif Shafak verwebt Vergangenheit und Gegenwart zu einem Roman über sich kreuzende menschliche Schicksale und die Macht jahrhundertealter Konflikte.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 08.08.2024
Einen "aufwändig gebauten Thesenroman" hat Rezensentin Sieglinde Geisel hier vor sich. Die komplexe Handlung spielt an unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten: Die Jesidin Narin wird 2014 Zeugin des Genozids an ihrem Volk. Zwei weitere Handlungsstränge spielen in London: Die Hydrologin Zaleekhah, Migrantin aus dem Irak, verliebt sich 2018 in eine Tätowiererin, der in bitterer Armut lebende Arthur Smith kommt im 19. Jahrhundert mit Narins Ururgroßmutter Leila zusammen, erzählt Geisel. Das ist nur eine von vielen Querverbindungen, die die Autorin zwischen den einzelnen Protagonisten und Perioden aufspannt. Diese Konstruktion ist "raffiniert", dazu kommen interessante geschichtliche Hintergründe, meint Geisel, zum Beispiel eine sehr interessante Einführung in das "mythische Denken" der Jesiden. Literarisch kann Shafak die Kritikerin aber nicht überzeugen: die Charaktere sind zu eindimensional und auf ihre Funktion reduziert und haben allesamt auffällig politisch korrekte Haltungen, stellt die Rezensentin abschließend fest.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.07.2024
Rezensentin Christiane Schlötzer ist tief beeindruckt von Elif Shafaks bildgewaltigem neuen Roman "Am Himmel die Flüsse". Die türkisch-britische Autorin verfolgt darin, so Schlötzer, drei Erzählstränge, die am Ende zusammenfließen: Da ist der auf einem realen Vorbild beruhende Arthur Smyth, der im London der 1840er Jahre als hochbegabter Autodidakt die wiederentdeckten Keilschrifttafeln des jahrtausendealten Gilgamesch-Epos entziffert; da ist die neunjährige Jesidin Narin, die im heutigen Mossul die Schreckensherrschaft des Islamischen Staats überlebt; und da ist die nach England eingewanderte Hydrologin Zaleekhah, die fasziniert die strittige These verfolgt, Wasser habe ein Gedächtnis. Das verbindende Element der drei Geschichten ist laut der Rezensentin das auch im Titel enthaltene Wasser, und Shafak poetisiert Zaleekhas Idee, indem sie einen Erinnerungen aufspeichernden Wassertropfen mal im antiken Ninive (dem heutigen Mossul), mal in Smyth' London Gestalt annehmen lässt. Besonders begeistert ist Schlötzer von Shafaks übersprudelnder Freude am Erzählen und ihrer Fähigkeit, geschichtliche Fakten und Fiktion zu verknüpfen. Ihren reichhaltigen Roman kann die Rezensentin ohne Einschränkung empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.07.2024
Rezensentin Irene Binal bedient sich der etwas abgewetzten Metapher vom "orientalischen Teppich", um die Verwobenheit der unterschiedlichen Geschichten in Elif Shafaks Roman zu beschreiben. Mit einem Regentropfen als verbindendes Moment "schlängele" sich der Roman durch Räume und Zeiten, vom antiken Ninive bis ins Jahr 2018 auf ein Hausboot auf der Themse, wo eine Hydrologin an Selbstmord denkt. Wie die Autorin unterwegs vom Gilgamesch-Epos erzählt, von Dämonen und Göttinnen und von der Klimakrise, findet Binal lesenswert, auch wenn die Botschaft des Romans von der Menschheit als großem Ganzen nicht gerade überwältigt.