Aus dem Französischen von Monika Mager und Michael Schmid. Warum radikalisieren sich Jugendliche, die weder aus besonders schwierigen Verhältnissen stammen, noch als ungewöhnlich religiös bekannt waren, innerhalb kürzester Zeit zu gewaltbereiten Islamisten und wollen fortan in Syrien oder hierzulande in den Dschihad ziehen? Warum gelingt es islamischen Fundamentalisten weltweit so leicht, moderate Muslime unter Druck zu setzen, weil sie nicht islamisch genug seien? Fethi Benslama, der 15 Jahre in der Pariser Vorstadt mit radikalisierten Jugendlichen gearbeitet hat, zeigt in seinem Essay, dass weder theologische noch soziologische Erklärungsansätze ausreichen, sondern psychologisch gefragt werden muss, welchen seelischen Gewinn die Einzelnen aus der islamistischen Radikalisierung ziehen: Nur wenn wir begreifen, welcher bis zur Tötung von anderen und sich selbst treibende Genuss die Täter motiviert, lassen sich Gegenmittel finden. Benslama demonstriert eindrucksvoll die Aufklärungskraft der Psychoanalyse und zeigt, wie sich in den muslimischen Gemeinschaften das Ideal des Übermuslims etablieren konnte, dem man bis zur völligen Aufopferung nacheifern muss. Er zeigt aber auch, warum die bloße Deradikalisierung die zugrunde liegenden Probleme nicht beseitigen wird, und schlägt andere Lösungsansätze zur Überwindung des Übermuslims vor. Überraschenderweise gibt ihm dafür gerade der Blick auf den von vielen als gescheitert betrachteten 'Arabischen Frühling' Anlass zu einer optimistischen Perspektive.
Rezensentin Shirin Sojitrawalla hat Fethi Benslamas Essay "Der Übermuslim" mit Gewinn gelesen. Der in Paris lebende Psychoanalytiker, der jahrelang mit radikalisierten Jugendlichen aus der Banlieue zusammenarbeitete, erklärt ihr nicht nur überzeugend den Unterschied zwischen Islam und Islamismus, sondern erläutert in seiner "inspirierenden" Mischung aus politischen und historischen Fakten und psychologischen Befunden auch Herkunft, Antrieb und Symptome der Radikalisierung, lobt die Kritikerin. Bei Benslama, der den Islamismus als "antipolitische Utopie" versteht, liest sie nach, dass die Kränkungen des islamischen Ideals in der Abschaffung des Kalifats und der Zerstückelung des Osmanischen Reiches im Jahre 1924 begründet seien und dass zwischen der organischen Gemeinschaft der Muslime und dem sozialen Gefüge der Gesellschaft unterschieden werden müsse. Dass der Autor weder entschuldigt noch schönredet, rechnet die Rezensentin ihm hoch an.
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