Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke. Mit einem Vorwort von Eva Menasse. "Der deutsche Weg der Holocaust-Erinnerung verhindert den Kampf gegen Antisemitismus."Jahrelang hat die in Cambridge lehrende Anthropologin Esra Özyürek die deutsche Erinnerungskultur erforscht. Während sich Antisemitismus-Prävention lange Zeit auf ethnische Deutsche konzentrierte, wird die Schuld am Holocaust mittlerweile an muslimische Minderheiten ausgelagert. "Stellvertreter der Schuld" erläutert, wie es zu dieser Entwicklung kam und warum sie den aktiven Kampf gegen Antisemitismus verhindert.Um die Jahrhundertwende rückten muslimische Einwanderer, türkisch- und arabischstämmige Deutsche ins Zentrum des Holocaust-Gedenkens. Antisemitismus-Präventionsprogramme wurden speziell auf sie zugeschnitten, damit auch sie die Täterperspektive verstehen und demokratische Werte verinnerlichen - ein Paradox, in dem rassistische und kulturelle Vorurteile gegenüber Muslimen aufklaffen. Sich selbst stellt die deutsche Gesellschaft kaum noch infrage, der vermeintliche Antisemitismus anderer müsse nun bekämpft werden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 13.06.2025
Im Klappentext steht Quatsch, stellt Rezensent Anro Orzessek zunächst einmal fest. Esra Özyürek behauptet nicht, die Deutschen würden die Schuld am Holocaust auf muslimische Migrantinnen und Migranten übertragen! Özyürek tatsächliche These ist jedoch fast ebenso steil - zu steil, meint der Rezensent: Seit zwanzig Jahren würden geläuterte "ethnische Deutsche" den Antisemitismus auf Muslime und Musliminnen abschieben und zum nunmehr importierten Problem erklären. Wie die Autorin die sogenannte Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft nach der NS-Zeit beschreibt, mag einleuchten, aber nicht erleuchten - hat Orzessek solche Analysen doch schon öfter gelesen. Sehr viel aufschlussreicher findet er Özyüreks Recherchen zur konkreten Antisemitismus-Prävention in deutsch-muslimischen Gemeinschaften. Hier, so der Rezensent, erfährt man einiges darüber, wie Antisemitismus in diesen Gemeinschaften verhandelt wird, sowie über die Pädagogik solcher Projekte, durch die muslimische Einwanderer "moralisch-emotional gereinigt" werden sollen. Um Özyüreks gewagte These zu stützen, reicht das jedoch nicht, urteilt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2025
Esra Özyüreks Buch basiert laut Rezensent Thomas Thiel auf einer "abenteuerlichen" These: Die Deutschen seien der Bußakte müde und wollten ihre Schuld an Muslime übertragen - nicht für den Holocaust selbst, sondern indem sie diese als neue Träger der deutschen Verantwortung für das Erinnern bestimmten. Doch ihre Argumentation bleibt dünn, kritisiert Thiel. Einzelne Zitate von Politikern oder Medienkommentare reichen ihr bereits für weitreichende Behauptungen. Zudem basiert ihre Analyse auf fehlerhaften Interpretationen, etwa des Antisemitismusberichts von 2011, aus dem sie fälschlich ableitet, dass rechtsextremer Antisemitismus dort verschwiegen werde. Auch ihre These, Bildungsprojekte wie "Junge Muslime in Auschwitz" seien Teil einer symbolischen Schuldübertragung, hält Thiel für überzogen. Am Ende wirft er der Autorin vereinfachende Argumentation vor - und dem Verlag, dass er ein solches Buch überhaupt veröffentlicht hat.
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