Florentine Anders

Die Allee

Roman
Cover: Die Allee
Galiani Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783869713205
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Da ist der charismatische, von den Ideen des Bauhauses und der Avantgarde durchdrungene Idealist Hermann Henselmann, der nach dem Krieg zum Chefarchitekten Ost-Berlins aufsteigt und dort in Konkurrenz zu den West-Berlinern um Scharoun & Co. treten soll. Der Berliner Fernsehturm, die Stalinallee, der Leipziger Uniturm sind mit seinem Namen untrennbar verbunden. Der Preis freilich: Ständig muss er lavieren und manchmal auch zu Kreuze kriechen, um wenigstens die Grundlagen seiner modernistischen Ideen vor den stieseligen Vorstellungen der Politführung zu retten. Und da ist vor allem Henselmanns Frau Isi, hochbegabt, die auch als Architektin arbeiten will, aber mit einer auf acht Kinder anwachsenden Familie zu kämpfen hat, ständig die Scherben aufkehren muss, die ihr Mann hinterlässt, und sich zunehmend selbst emanzipiert. Und da ist die Tochter Isa, die sich der erstickenden Manipulation durch den cholerischen Vater entzieht, um ihren dornigen eigenen Weg in ganz anderen Milieus zu gehen. Und dann auch noch die eng verwandte Familie Robert Havemanns, bei dem Kompromisse wenig zählen und der sich der staatlichen Bevormundung komplett verweigert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Ein "Wunder" eigentlich, dass noch keiner das Leben von Hermann Henselmann und seiner Familie als Romanstoff verwendet hat, stellt Rezensent Niklas Maak fest, bietet sie doch so vieles an, was sich zu erzählen lohnt: Der 1905 geborene Architekt erlebte sämtliche "Bruchpunkte" des 20. Jahrhunderts mit, weiß Maak - wuchs auf in der Weimarer Republik, geriet mit dem NS-Regime in Konflikt, gründete eine Familie, zeugte acht Kinder, und stieg nach dem Krieg zum bedeutsamsten Architekten der DDR auf. Die Autorin Florentine Anders hat sich dieser Geschichte nun angenommen und beweist, dass wohl niemand dies besser könnte als sie, Henselmanns Enkeltochter, erfahren wir. Mitreißend und anschaulich erzählt sie von Henselmanns Alltag, von seinen "Erfolgen und Nöten", sowie auch von den Erfolgen und Nöten seiner Frau Isi und der acht Kinder. Dabei gelingen Anders immer wieder knappe Szenen, die eine ganze Ära auferstehen lassen, Sätze, in die Maak am liebsten "einziehen würde wie in ein Haus von Henselmann". So entsteht im Hintergrund dieser bewegten Lebens- und Familiengeschichte nach und nach auch sowas wie ein Epochenpanorama, lobt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.03.2025

Rezensent Alan Posener empfiehlt das Buch der Nichte des DDR-Staatsarchitekten Hermann Henselmann. Florentine Anders beschreibt darin die DDR nüchtern, ohne Beschönigung in all ihrer Hässlichkeit, freut sich Posener. Und sie erzählt von den Privilegien der Familie, den patriarchalischen Strukturen im Land, den Drogenproblemen der Mutter. Eine Familienbiografie, auf die "ostalgische" Leser nicht hereinfallen sollten, die sich nur an dem etwas irreführenden Titel und dem fröhlichen Cover orientieren, rät Posener.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.03.2025

Florentine Anders' Familiengeschichte gehört zu den stärkeren DDR-Aufbereitungen der jüngeren Zeit, lobt Rezensent Stefan Michalzik. Im Mittelpunkt dieses freilich eine große Anzahl von Personen und Handlungssträngen umfassenden Romans steht der DDR-Stararchitekt Hermann Henselmann und dessen Auseinandersetzung mit der Führung des Landes, in dem er unter anderem die Stalinallee und die Fernsehturm Ost-Berlins entwarf. In einem nüchternen, am Journalismus geschulten Stil, beschreibt die Autorin Michalzik zufolge, wie sich der am westlichen Modernismus orientierende Henselmann an den deutlich behäbigeren Architekturvorgaben der SED-Oberen rieb - und oftmals klein beigeben musste, aber immerhin seine Perspektive in die Diskussion mit einbringen konnte. Gleichzeitig hat Anders einen feministischen Roman geschrieben, erklärt Michalzik, thematisiert wird insbesondere die Rolle Isi Henselmanns, der Ehefrau Hermanns, die ebenfalls Architektin war, aber ihrem oft fremdgehenden Mann meist nur zuarbeitete. Dem Rezensenten wird bei der Lektüre sehr anschaulich, wie groß die Spannung zwischen sozialistischer Utopie und beengender realsozialistischer Wirklichkeit war.

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