Friedrich Christian Delius

Mein Jahr als Mörder

Roman
Cover: Mein Jahr als Mörder
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783871344589
Gebunden, 304 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Am Nikolaustag 1968 hört ein Berliner Literaturstudent im Radio, dass der Nazi-Richter Rehse endgültig freigesprochen wurde. Noch während die Nachrichten laufen, beschließt er, ein Zeichen zu setzen: Er will diesen Richter umbringen. Für den Studenten eine ganz persönliche Angelegenheit, denn Rehse hat auch den Vater seines besten Freundes zum Tode verurteilt, Georg Groscurth - Leibarzt von Rudolf Heß und zugleich als Widerstandskämpfer aktiv, gemeinsam mit Robert Havemann. Die Tatbereitschaft des jungen Mannes wächst, je mehr er sich mit der Familiengeschichte beschäftigt. Besonders empört ihn das Schicksal von Groscurths Witwe Anneliese, die nach 1945 zwischen alle Fronten des Kalten Krieges geriet. Dass ein ehemaliger Nazi ungeschoren davonkommt, während die Witwe seines Opfers als kommunistische Hexe verschrien und in eine Kette von Justizskandalen verstrickt wird, schreit nach Vergeltung. Ohne Rücksicht mehr auf Studium, auf pazifistische Ideale oder seine Freundin Catherine setzt er Schritt für Schritt einen ausgeklügelten Plan um...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.01.2005

Trotz seiner "dünnwandigen" Rahmenkonstruktion und einer gewissen Sprödigkeit im Erzählton hält Wolfgang Schneider viel von dem neuen Roman Friedrich Christian Delius'. Das liegt daran, dass Delius in "Mein Jahr als Mörder" eine wahre Geschichte rekonstruiert: die Leidensgeschichte des Ehepaares Groscurth: Er, Leibarzt von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess wurde 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet, seiner Frau wird als angeblicher Kommunistin in der Bundesrepublik sogar die Witwenrente als Verfolgte des Naziregimes entzogen. Und wie alle wahren Geschichten, die das Leben schreibt, sind diese viel spannender als die erfundenen, meint Schneider. Die fiktive Rahmenhandlung - der geplante Sühnemord durch einen jungen Literaturstudenten - erscheint ihm vor allem als augenzwinkernde Anlehnung an Dostojewskis Raskolnikow. Doch die eigentliche Geschichte der Groscurths hat ihn sehr bewegt und so wünscht er dem Buch viele Leser. Im übrigen gelinge es Delius, bemerkt Schneider noch lobend, sich mit einem der Hauptmotive der Studentenbewegung auseinanderzusetzen, ohne in die Rhetorik jener Zeit zu verfallen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.12.2004

Leider hat F.C. Delius aus diesem Stoff einen Roman gemacht, bedauert Thomas Fitzel, denn so demontiere der Romancier den Dokumentaristen Delius. Delius dokumentiert in "Mein Jahr als Mörder" den Fall Anneliese Groscurth, die in den 60er Jahren, weil sie sich gegen die Wiederbewaffnung engagiert hatte, vor Gericht um ihre Rente als Verfolgte des Naziregimes kämpfen musste; ihr Mann war 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet worden. Der Mörder ihres Mannes hingegen, Richter Rehse, wurde 1968 freigesprochen. Hier nun, erklärt Fitzel, setze die eigentliche Roman- oder Rahmenhandlung ein, indem Delius eine Figur erfunden hätte, den Freund eines Groscurth-Sohnes, der nun den früheren Richter erschießen möchte. Dieser Entschluss wirke von vornherein nicht überzeugend, befindet Fitzel, Delius lasse zu sehr seine eigene spöttische und distanzierte Haltung zu den 68ern durchblicken. Der Erzähler sei damit klüger als seine Zeit, was literarisch immer eher uninteressant sei. Außerdem mache sich der Autor über die Motive seines Protagonisten lustig, wendet Fitzel ein und fragt: was ist so lächerlich an seinem Zorn? Stattdessen benenne Delius - im Gegensatz zu seinen früheren Romanen- nicht Ross und Reiter, sondern spreche allgemein von der "Hydra" der Justizmaschinerie. Das sei schade, findet Fitzel, schließlich steckten konkrete Namen und Biografien dahinter.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004

Michael Naumann zieht seinen Hut vor einem "wunderbaren, sensiblen Sprecher seiner Generation", vor Friedrich Christian Delius, der ihn mit seinem neuen Roman überaus glücklich gemacht hat. Dieser biete eine "historisch genaue, akten- und faktensichere Schilderung des bundesdeutschen Justizmilieus" mit seinen ehemaligen NS-Richtern, von denen keiner für seine Dienste im "Dritten Reich" belangt wurde. Dieser Umstand bewegt den studentischen Helden des Romans dazu, den ehemaligen Freisler-Beisitzer Rehse, der unbehelligt als Anwalt praktiziert, erschießen zu wollen und somit quasi einen Akt nachgeholten Widerstandes zu vollziehen. Delius öffne ein "Fenster in die emotionale Grundstimmung jener Jahre", ohne jedoch den selbstgerechten Ton der Nachgeborenen anzuschlagen. Begeistert hat Naumann den eigenen literarischen Ton des Dichters zur Kenntnis genommen, der aus der Kraft intellektueller Skepsis angesichts "früher zweifellos radikalerer Überzeugungen" lebe. Die Erkenntnis, dass sich Gerechtigkeit nicht einfach mit einem Terrorakt erzeugen lässt, überkommt schließlich auch den Helden des Buchs. Diese Absage an die Gewalt ist der ideologiekritische und ästhetische Nenner des literarischen Schaffens von F.C. Delius, erklärt der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2004

Dieser Tatsachenroman von F.C. Delius mag vielleicht eine Beichte sein, ein Reuebekenntnis ist er nicht, stellt Rezensent Christoph Bartmann klar. Dafür fehle es der Hauptfigur, einem Literaturstudenten, der 1968 ein Jahr lang einen Mord an einem Richter plant, an "Zerknirschung". Delius schildere die Pläne seines Helden, dem gerade von einem Berliner Gericht freigesprochenen NS-Richter Rehse seine gerechte Strafe zukommen zu lassen, vielmehr so, dass man "keine Mühe" habe, den moralischen Ausnahmezustand des Germanistikstudenten zu verstehen. Rehse hatte 1944 unter anderem den Widerständler Georg Groscurth zum Tode verurteilt, dessen Witwe in der Bundesrepublik als angebliche Kommunistin schikaniert wird. Delius, weit davon entfernt, ein Straßenkämpfer oder "Kulturrevolutionär" zu sein, schreibt meist "nüchtern", bisweilen sogar "hölzern", was nach Meinung des überzeugten Rezensenten die Wirkung des Buches noch "steigert". Ein Roman, der vielleicht zu den "trockensten" Büchern des Herbstes gehören mag, aber auch zu den "ernsthaftesten".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004

Jörg Magenau empfiehlt, dieses Buch weniger als Roman denn als Dokumentation zu lesen. Nicht, weil F.C. Delius etwa so schlecht schreibe, sondern weil das Faktenmaterial so brisant und spannend sei. Es geht darin um die Widerstandsgruppe "Europäische Union", die während der NS-Zeit Zwangarbeitern und Illegalen half, es geht um den Arzt Georg Groscurth, der 1944 hingerichtet wurde, und um seine Frau Anneliese, die als angebliche Kommunistin im Westberlin der 50er vor Gericht stand, sowie um 1968. Ausgangspunkt ist ein Student, der 1968 den Richter töten will, der Groscurth verurteilt hatte. Das, so Magenau, passiert am Ende zwar nicht, aber dafür werden die 68er in ihrer Wut über die Verdrängung der Nazizeit "ein wenig" rehabilitiert - es hätte aber ruhig noch ein bisschen mehr sein können, findet Magenau. Seiner Ansicht nach fügt sich Delius nämlich doch zu sehr dem "Zeitgeist" der kritischen Revision von 1968.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004

Rezensent Gerrit Bartels bleibt nach diesem Buch von Friedrich Christian Delius etwas unbefriedigt zurück. Zwar rechnet er dem Autor an, dass er nicht zu verklären versucht, auch nicht das ja bekanntlich so "folgenreiche Jahr 1968", aber so ganz will sich ihm der Sinn dieser "semiliterarischen Erkundungsreise" nicht erschließen, die durch drei bundesdeutsche Zeitebenen führt. Der Ich-Erzähler beschließt 1968, sich die Revolutionsdebatten zu schenken und stattdessen zu handeln: Er will den Tod des 1944 hingerichteten Widerständlers Georg Groscurth sühnen, sein damaliger Richter (und Henker) wurde gerade von seinen NS-Verbrechen freigesprochen. Dazu erzählt Delius' Held die Geschichte der Witwe Groscurths in den Fünfziger Jahren. Bartels findet dies alles ein wenig "hüftsteif", zumal sich ihm nicht die Motivation des Autors erschließen will.

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