Florian Ebner

Metamorphosen des Gesichts

Die 'Verwandlungen durch Licht' von Helmar Lerski
Cover: Metamorphosen des Gesichts
Steidl Verlag, Göttingen 2002
ISBN 9783882438086
Kartoniert, 110 Seiten, 17,50 EUR

Klappentext

Auf einer Dachterrasse in Tel Aviv realisiert der Fotograf und Kameramann Helmar Lerski 1936 ein Werk, das für ihn die Summe seiner künstlerischen Arbeit als Lichtbildner darstellt: Von einem einzigen jungen Mann, dem Bautechniker Leo Uschatz, fertigt er rund 140 fotografische Großaufnahmen des Gesichts an. Unter aufwendigem Einsatz zahlreicher Spiegel verwandelt er die Physiognomie seines Modells in immer neue plastische Landschaften. Gegen die herkömmliche Vorstellung vom Porträt, das die Identität des Dargestellten zu ergründen sucht, wird das Gesicht in den Fotografien Lerskis zu einer Leinwand, auf die er die Mimik der Stummfilmepoche projiziert und damit gleichsam einen Katalog ihrer Affekte erstellt. Die "Verwandlungen durch Licht" nehmen eine wichtige, extreme Position innerhalb der Geschichte des fotografierten Menschen ein.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.04.2002

Im einführenden Teil seiner Kritik schildert Michael Diers zunächst die ungeheure Konjunktur des Porträts, des Gesichts als Zeichen, die nach dem Beginn der Fotografie entstand und die bis heute unverändert anhält, um dann auf das ungewöhnliche Projekt des Fotografen Helmar Lerski aus dem Jahr 1936 zu sprechen zu kommen, dem sich der vorliegende Band widmet. Lerski war ein bekannter Fotograf der Weimarer Zeit, der in der Emigration in Palästina einen bereits vorher gefassten Plan verwirklichte, erfährt man aus Diers' Kritik: Lerski wollte ein einziges Gesicht - es gehörte dem Bauzeichner Leo Uschatz - in möglichst vielen "Verwandlungen des Lichts" zeigen, um so die Effekte der Fotografie auf die Darstellung zu untersuchen. 140 Fotos seien so bis heute überliefert. Es handelt sich um ein "medienreflexives und analytisches" Anliegen, wie der deutlich faszinierte Diers in seiner Kritik betont. Sehr lobend spricht Diers auch über Ebners Kommentare zu dem Projekt, das "biografisch, zeithistorisch, technisch, faktisch, film- und fotohistorisch, ästhetisch und rezeptionsgeschichtlich" aufgefächert werde. Es handelt sich ursprünglich um eine Magisterarbeit, staunt Diers und leitet daraus die Erkenntnis ab, "dass akademische Arbeiten von Zeit zu Zeit durchaus allen Schulstaub hinter sich zu lassen wissen".

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