Frank Witzel

Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969

Roman
Cover: Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969
Matthes und Seitz, Berlin 2015
ISBN 9783957570772
Gebunden, 817 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung? Die Welt des kindlichen Erzählers, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Frank Witzel versucht in dieser groß angelegten fantastischen literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.10.2015

Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manischdepressiven Teenager im Sommer 1969" ist mit seinen gut achthundert Seiten einen wahrer "Superheimatschinken", der sich schwerlich in einem Rutsch bewältigen lässt, warnt Rezensent Jens Jessen. Mit dem Teenager ist weder Andreas Baader noch Ulrike Meinhof gemeint, sondern ein "dreizehnjähriger Zaungast des Terrors", der sich ein Aufräumen mit der verhassten spießbürgerlichen Welt um ihn herum nur mit mächtig Rabautz vorstellen kann, fasst der Rezensent zusammen. Der "formalen Wagemut", für den die Jury Witzel mit dem Deutschen Buchpreis 2015 bedacht hat, besteht nicht in neuen Formen - Collage und Fragment begleiten die Literatur nun schon eine Weile, weiß Jessen -, sondern in der Abkehr vom realistischen Erzählen, in der Rebellion gegen die "kleinbürgerliche Enge und erstickende Literaturfeigheit", lobt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2015

Nachdem im Rückblick auf die Zeit des Kalten Kriegs in Deutschland bislang vor allem die DDR Gegenstand nostalgischer Hinwendungen war, stehen die Zeichen seit einiger Zeit darauf, dass auch die alte Bundesrepublik in der Erinnerungsarbeit wiederentdeckt wird, lautet der Befund des Kulturhistorikers Philipp Felsch. Beobachten lässt sich dabei allerdings auch, meint er, dass sich dem bislang vorherrschenden Bild von der die post-faschistische Gesellschaft zivilisierenden BRD-Demokratie zusehends unheimliche Töne unterheben. Frank Witzels Mammut-Buch liest sich für den Rezensenten wie ein von James Ellroy verfasster "BRD noir". Das ist zwar drastisch, lobt der Kritiker, doch "keinesfalls äußerlich".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.09.2015

Rezensent Claus-Jürgen Göpfert verbindet seine Besprechung von Frank Witzels neuem Roman mit einem Ausflug zu dem Autor, der nun für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Die Zeit ist reif, glaubt der Kritiker, denn mit diesem "opus magnum" sollte Witzel endlich der wohlverdiente Durchbruch gelingen. Hymnisch fährt Göpfert vor: Mehr Fantasie, Liebe zum Detail und Überschwang ist in keinem anderen Roman der Saison zu finden, jubelt der Kritiker, der auf den achthundert Seiten nicht nur in die Sechziger und Siebziger Jahre taucht, Kurzporträts, Binnen-Erzählungen, musikalische und popkulturelle Exkurse entdeckt, sondern geradezu ein sechzigjähriges Autorenleben aufzublättern scheint. Insbesondere aber bewundert der Rezensent Witzels poetische Kunst, seinen Roman über das Schicksal der RAF-Gefangenen zwischen Realismus und Wahnsinn anzusiedeln und mit Elementen des Fantasy- und Kriminalromans anzureichern. Ein Meisterwerk, jauchzt der Kritiker, der dringend zur Lektüre rät.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2015

Diesem schon im Titel gewaltig erscheinenden Buch des Autors und Musikers Frank Witzel attestiert Rezensentin Nicole Henneberg "jouissance" à la Roland Barthes: "ein wollüstiges Versinken im Textkörper". Und so taucht die in Superlativen schwelgende Kritikerin in dieses achthundert Seiten und ein halbes Jahrhundert umfassende Werk ein, gerät in einen geradezu existentiellen Rausch, riecht und schmeckt das Lebensgefühl der sechziger Jahre und entdeckt die ein oder andere Offenbarung: Grandios etwa, wie Witzel das Beatles-Album "Rubber Soul" als religiöse Erweckungsgeschichte deutet, findet die Rezensentin, die in dem doppelbödigen, an "gotische Tafelbilder" erinnernden Textkoloss vergeblich zwischen Autor und Ich-Erzähler zu unterscheiden versucht. Ein im besten Sinne manisches Buch, historisch, therapeutisch und schillernd, schließt die hingerissene Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.06.2015

Einen Roman mit Langzeitwirkung sieht Helmut Böttiger in Frank Witzels "Zauberwerk". Dass der Autor sich für den Roman durch die Alternativkultur seiner Jugend gearbeitet hat, merkt Böttiger dem Text an, dessen Dreh- und Angelpunkt er im Sommer 1969 verortet. Raffiniert findet er, wie Witzel mit Rhythmus und Perspektivwechseln und ständig anflutenden neuen Informationen mal realistisch und atmosphärisch dicht über die Jugend des Erzählers in Wiesbaden-Bieberach, über Snickers und die Strumpfbänder der Caritas-Frau erzählt, um dann wieder dem Realismus die lange Nase zu drehen und jede Anwandlung zu einer durchgehenden Handlung ins Märchenhafte zu kippen. Stilistisch wie auf theoretisch-popmusikalischer Ebene überzeugt der Autor den Rezensenten gleichermaßen und führt ihn in das Unbewusste der Zeit. Wenn dabei nicht alles auserzählt und der Leser verunsichert wird, findet das Böttiger umso besser. Sind das nun Kids auf Fix und Foxi oder schon Terroristen, scheint sich der Rezensent zu fragen, ist das Pop oder Politik? Wie auch immer, meint er, berauschend ist es und komisch dazu und vielleicht sogar der große Epochen- und Bewusstseinsroman, auf den wir gewartet haben.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.04.2015

Frank Witzel vermengt enzyklopädisches Wissen über die bundesrepublikanischen Sechziger und Siebziger mit literarischer Fantasie, berichtet taz-Musikredakteur Julian Weber in seiner begeisterten Besprechung. Im Mittelpunkt des Romans stehe ein dreizehn Jahre alter Knabe in der hessischen Provinz am Ende der Sechziger Jahre, die keineswegs so "swinging" ausfallen, wie das rückblickend gerne dargestellt werden: Vielmehr beobachtet der Rezensent hier eine Ungleichzeitigkeit des alten Mentalitätsmiefs, der sich an der Aufbruchsstimmung im Pop gründlich reibe. Das Referenzfeld, das der Autor in seinem in 98 Kapiteln mit unchronologisch sortierten, teils munter zwischen Jahrzehnten hin und her springenden Erzählfragmenten, essayistisch-philosophischen Einschüben und ästhetischen Betrachtungen aufspannt, sei enorm, berichtet der Kritiker, der in seiner Besprechung ohne mit der Wimper zu zucken Rousseau, Beatles, Hendrix, Existenzialismus und Salinger aufzählt. Was in der Quintessenz ein "westdeutsches Buch der Unruhe" ergibt, das Weber sichtlich genossen hat: "Große Literatur", lautet sein Verdikt.