25 Jahre Perlentaucher

Musikgeschulte Ohren

Von Lothar Müller
06.02.2025. "Eines der Einfallstore für das kaleidoskopisch-essayistische Schreiben ist die Fußnote." Lothar Müller antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000". Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? D.Red.

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Mit einer Best-of-Liste kann ich nicht aufwarten, wohl aber mit Büchern, die mich als Einsatzpunkte eigenwilliger Autorschaft beeindruckt haben. Dazu zählt Lutz Seilers Gedichtband "pech & blende", der im Jahr 2000 erschien und die schwarzglänzende "Pechblende" in zwei Wortelemente teilte. So wuchs dem Pech neben der mineralischen die umgangssprachliche Bedeutung des unverschuldeten Unglücks zu und der Blende die assoziative Verknüpfung mit der Sichtblende. Die Gedichte zogen die vom Uranbergbau verstrahlten Regionen Thüringens hinter der Sichtblende hervor, machten "das ticken der kartoffeln in den speisekammern" hörbar und fanden für die Generationserfahrung des 1963 in der DDR geborenen Autors einen schlichten Merksatz: "wir hatten gagarin, aber gagarin hatte auch uns".

Die Bücher von Marcel Beyer begleiten mich seit langem. Im Gedichtband "Graphit" (2014) bin ich mit ihm ins Rheinland gereist, in die Gegend um Neuss, wo er aufgewachsen ist, in die Runkelrübenäckerweiten, eine Gegend, in der die Ortsnamen auf -broich, -busch, oder -rath enden wie Hombroich, die ehemalige Raketenstation, auf der Thomas Kling lebte. Beyers musikgeschulte Ohren gehören zu den hellhörigsten der Gegenwartsliteratur. "Graphit" trägt ein schriftnahes, bleistiftnahes Kohlenstoffmineral im Titel. Dieser Autor kennt die alten Flöze, die Geologie, Mineralogie und Literatur verbinden. Ein mittelalterlicher Spruchdichter, Zeitgenosse des Konstanzer Konzils von 1415, hinterlässt seine Schattenspur in Beyers Graphit, dort, wo das eingestürzte Kölner Stadtarchiv seinen ersten großen Grabgesang erhält.

Große Teile der alten Bundesrepublik sind 1989/90 mit der DDR untergegangen. In der Literatur ist die BRD im vergangenen Jahrzehnt abgründiger und unheimlicher wiedergekehrt, als sie im Rückblick zunächst erschien. In Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" (2015) wird das Kaleidoskop von Bildern und Tönen im Innern des Helden von zwanghaft-obsessiven Energien vorangetrieben. Katholische Litanei und Popsong fusionieren, Komik und Epiphanie ebenso, die Dinge werden lebendig. Witzels Literatur macht den zeithistorischen Bilanzen erhellend Konkurrenz.

Eines der Einfallstore für das kaleidoskopisch-essayistische Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist die Fußnote. In Dorothee Elmigers Buch "Aus der Zuckerfabrik" (2020) ist sie Instrument der Verwandlung von Wissensstoff in Erzählstoff. Der perspektivische Fixpunkt, der Teresa von Avila, Karl Marx, Kleist und einen abgestürzten Lottokönig verbindet, liegt in der Karibik, dort, wo das Wort "Zuckerrohr" das Bild der Plantage aufruft. Und zum anderen in der Selbstreflexion der Autorin, die den Bedingungen ihrer Autorschaft nachspürt, während sie die Recherche vorantreibt. Die Spannung, die zwischen den Polen Essay und Erzählen entsteht, kann auf einen Plot verzichten.

Anne Weber fand in "Annette, ein Heldinnenepos" (2020) für ihre Hauptfigur eine alte epische Form, die oft männliche Namen trug wie Parzival oder Iwein. Die kleinen Steinchen, die sie dem an Romanlektüre gewohnten Publikum in den Weg legt, sind die Blankverse, in denen ihre Heldin auftritt. Nichts Gravitätisches hat dieses Versepos an sich, mit seiner quecksilbrigen Erzählerinnenstimme, die sich einmischt, sich selber und der Heldin ins Wort fällt, ohne je dem historischen Stoff, dem Krieg, dem Terror, dem Verrat, der Folter, dem Sterben zwischen Résistance und Algerienkrieg sein Gewicht zu nehmen. Für Widerhaken im Heldinnenepos sorgt Camus, der nicht auf Seiten der Heldin steht.