Frank Witzel hat in einer frühen Folge der Serie Derrick einen bemerkenswerten Fund gemacht: Über dem Bett eines Studenten, der später zum Mörder wird, hängt das Gemälde Forum der einwärtsgewendeten Optik von Rudolf Hausner, einem exponierten Vertreter der Wiener Schule, die nach dem Krieg die Tradition des Surrealismus fortführte. Witzel begibt sich bei seinem detektivischen Schreib-Innendienst auf eine essayistische Fahndung: Erinnerungen an den Muff der BRD, wichtige Lektüren der Avantgarden, Geschichten von Gemälden und Filmen bringen ihn auf die Spur. Welche Ängste und Verdrängungen der jahrzehntelangen deutschen Nachkriegszeit offenbaren sich in einem Szenenbild bei Derrick?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.02.2023
Rezensent Andreas Bernard ist in Bezug auf diesen "funkelnden" Essay von Frank Witzel zwiegespalten. Der Rezensent wundert sich ein wenig, dass es möglich ist, einen 150 Seiten langen Essay über eine einzige Folge der Krimiserie "Derrick" zu schreiben, genauer, über ein abstraktes Gemälde von Rudolf Hausner in der Wohnung des Täters, das in der Folge auch nur ganz am Rande vorkommt. Der Autor, so Bernard, schreibt "brillante Miniaturen" allerdings fehlt ihm durch die große thematische Bandbreite ein wenig die Kohärenz des Ganzen. Doch dann dreht sich die Kritik und Bernard erinnert daran, dass der Maler Hausner derselbe Jahrgang war wie Derrick-Drebuchautor Herbert Reinecker: Ersterer stand mit seiner Kunst für "riskante Offenheit", während Reinecker mit dem "Derrick" eher für Verdrängung stand (der Nationalsozialismus spielte in "Derrick" nie eine Rolle). Und plötzlich fügen sich Witzels Exkurse für den Kritiker zu einem Text, der die Brüche der Nachkriegsgesellschaft in einer scheinbar banalen Krimiserie sichtbar macht.
Rezensent Lothar Müller liest Frank Witzels Essay mit Gewinn. Wie Witzel anhand eines Details in einer Derrick-Folge in seine Jugend, zu The Who, den Kinks und dem Auftauchen surrealistischer Poster zurückkehrt, und dem Fortleben des deutschen Nationalsozialismus in Machern der bundesrepublikanischen Kulturelite wie Herbert Reinecker, Horst Tappert und Wolfgang Becker, allesamt mit SS-Vergangenheit, nachspürt, findet Müller erhellend und auch ein bisschen unheimlich. Witzels Bildgedächtnis und seine Gedankenschärfe erscheinen ihm bemerkenswert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2022
Rezensent Magnus Klaue findet Frank Witzels Extempore über eine Derrick-Folge von 1975 anregender als Derrick selbst. Witzels Verfahren einer nach innen gewendeten kreisenden Optik, die ausgehend von einem surrealistischen Bild in der TV-Folge eigene soziale und kulturelle Prägungen in der BRD thematisiert, scheint Klaue gewinnträchtig auch für den Leser. Für den Rezensenten bietet der Autor hier mehr als ein filmwissenschaftliches Proseminar: eine sehr anregende genreübergreifende "imaginative Theoriefantasie".
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