Es war ein Paukenschlag, als Gottfried Benn 1912 mit seiner expressionistischen Gedichtsammlung "Morgue" an die Öffentlichkeit trat. Der Pathologe und angehende Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten zeichnete darin eine Welt von Krankheit und Verwesung und setzte den Anmaßungen der rationalen Zivilisation die Versuchung des Rauschhaft-Irrationalen entgegen. Fritz J. Raddatz hat sich auf das Abenteuer eingelassen, das rätselhaft-geniale Doppelleben des wohl bedeutendsten Dichters seiner Zeit und lebenslang praktizierenden Arztes zu ergründen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.10.2001
Burkhard Müller geht mit der Biografie von Fritz J. Raddatz über Gottfried Benn ironisch bis vernichtend ins rezensorische Gericht. Als Biografie möchte der Rezensent das Buch sowieso nicht bezeichnen, allenfalls als "großen Blütenstand der Auskünfte". Der Autor, findet Müller, ist hier so ganz dem Objekt seiner Ausführungen erlegen und hat sich mehr auf das Interpretieren denn auf das Reflektieren konzentriert. Und das ist laut Rezensent gründlich daneben gegangen. Die Qualität des Bandes werde zwar ab der Mitte besser bis "an den Rand der Lesbarkeit", aber Müllers Verärgerungspegel war da wohl schon zu hoch ausgeschlagen, um sein Urteil dann noch herumzureißen. Nicht nur einige eindeutige Missverständnisse - so verwechselt Raddatz die Kabbala mit der Kaaba - haben Müller so gegen das Buch aufgebracht, sondern ganz generell ist der Rezensent davon überzeugt, dass Gottfried Benn einen besseren Fürsprecher als Raddatz verdient hätte.
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