Gabriela Wiener

Unentdeckt

Roman
Cover: Unentdeckt
Kanon Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783985681655
Gebunden, 192 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem peruanischen Spanisch von Friederike von Criegern. Welche Spuren hinterlässt koloniale Gewalt? Die heiligen Orte in den Anden beherbergten einst wertvolle Grabbeigaben. Heute findet man sie in den großen Sammlungen europäischer Museen. Dort wird Gabriela Wiener mit ihrem Erbe konfrontiert: ausgerechnet ihr Ururgroßvater Charles Wiener, ein jüdisch-österreichischer Forscher, erbeutete im 19. Jahrhundert Tausende Artefakte. Als sie der väterlichen Linie ihres Stammbaums nachgeht, stößt sie auf patriarchale Heldenerzählungen: die Legende des bescheidenen Deutschlehrers, der über Nacht zu Indiana Jones wird, aber in Peru Frau und Kind zurücklässt. Und die Parallelbeziehung ihres Vaters, in der dieser mit Vorliebe eine Augenklappe trug. Werden Vorstellungen von Liebe und Lust weitergetragen? - Ausgehend von ihrem Nachnamen wird Gabriela Wiener nicht nur zur Chronistin von Kolonialverbrechen, sondern auch zur Chronistin ihrer selbst.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.03.2025

Rezensentin Katharina Döbler empfiehlt Gabriele Wieners autofiktionale Selbsterkundung als einen Versuch "umfassender Dekolonisation" zu lesen - der "eigenen Geschichte, der eigenen Sexualität, des eigenen Denkens" und Sprechens. Als Erzählung verstanden, findet Döbler Wieners Geschichte und deren Methode, Privates mit Historischem zu vermengen, manchmal spannend, manchmal nur "irritierend". Wiener stellt sich damit eindeutig in die lateinamerikanische Tradition der "cronicas" - gonzo-artige literarische Reportagen - geht allerdings ein Stück weiter, stellt Döbler fest. Schonungslos offen und gründlich erzählt sie von ihrem Leben - ihren sexuellen Erfahrungen, ihrem Beruf, ihrer Familie und ihren Erfahrungen mit der weißen Mehrheitsgesellschaft als Lateinamerikanerin in Spanien. Ihre Migrationsgeschichte verknüpft sie mit der ihres mutmaßlichen Vorfahren Charles Wiener - eines Österreichers, der im 19. Jahrhundert nach Peru reiste, um auf dem Rückweg unzählige präkolumbianische Artefakte mit nach Frankreich zu bringen - dieses koloniale Raubgut kann man heute noch im Musée du Quai Branly betrachten, weiß Döbler. Als eine literarische Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit verstanden, wird "Unentdeckt" erst wirklich "aufschlussreich", so die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2025

Ahnenkunde der anregenden Art betreibt Gabriela Wiener in diesem Buch, erzählt Rezensent Josef Oehrlein. Im Zentrum steht der Ururgroßvater der Autorin, Karl Wiener, ein in Wien geborener Wissenschaftler, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Forschungsreisender in Bolivien und Peru unterwegs war, bei dieser Gelegenheit zahlreiche kulturelle Artefakte stahl und mehrere Beziehungen mit indigenen Frauen unterhielt. Sie selbst ist nach eigenem Bekunden unter den Wiener-Nachfahren die indigenste, und doch prägt das Erbe Karl Wieners auch sie, bis hin zu ihrem eigenen Sexualleben, das, in Form expliziter Darstellungen einer Dreiecksbeziehung mit ihrem Ehemann und einer lesbischen Frau, im Buch verhandelt wird. Auch die wenig handfesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Karl Wiener in Lateinamerika gewonnen hatte, spielen eine Rolle in diesem Buch, das, so Oehrlein, von Friederike von Criegern geschickt ins Deutsche übertragen wurde. Der angetane Rezensent hat nach eigenem Bekunden bei der Lektüre einiges gelernt über Themen wie Rassismus und Ungleichheit.

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