Bürgertugend, Gemeinsinn und Patriotismus sind altmodische Begriffe. Die entsprechenden Gefühle können politisch leicht missbraucht werden. Solche Einstellungen bilden aber unentbehrliche Bedingungen der liberalen Ordnung. Moral, welche die eigennützige Rationalität überschreitet, ist das Fundament erfolgreicher Marktverhältnisse und von deren freiheitlicher Rahmenordnung. Dabei ist wichtig, dass sich solche Bürgermoral in der Demokratie nicht durch Diskursverweigerung, sondern durch Meinungsstreit um das politisch Richtige bewährt. Die "Willensnation Schweiz" liefert beides: das Beispiel wie den Testfall. Wird die Schweiz an ihrem Anspruch scheitern, die Aufgaben der politischen Selbstgestaltung soweit wie möglich ihren Bürgern zu überlassen?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2010
Rezensent Urs Hafner schätzt Georg Kohlers Buch über den Gemeinsinn der Schweizer. Die Analyse des Zürcher Philosophen unterscheidet sich für ihn wohltuend von den zahllosen überzogenen Krisendiagnosen anderer Autoren. Er bescheinigt dem Autor, sachlich und differenziert darzulegen, wo die "schwerwiegenden", gleichwohl "nicht unüberwindlichen Probleme" der Schweiz liegen. So findet er etwa die Ursachen und auch Symptome für das Unbehagen vieler Bürger an der rechtsstaatlich-freiheitlichen Demokratie nüchtern analysiert. Kohlers Diagnose, wonach die "Entbindung der Bevölkerung aus dem Volk" mit einer Krise der Nationalstaatlichkeit einhergehe, scheint ihm zwar nicht unproblematisch. Er hebt aber auch hervor, dass der Autor dem Kulturkonservatismus sowie dem Nationalkonservatismus fernsteht und stattdessen für einen republikanischen Liberalismus plädiert, in dem der Gemeinsinn eine herausragende Rolle spielt.
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