Zwei Staatsanwälte
Roman

Galiani Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783869713069
Gebunden, 240 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
1937: Dem jungen Staatsanwalt Kornew wird ein anonymer Brief zugestellt, in dem ein mit Blut beschriebenes Stück Pappe steckt. Darin bittet ein Gefangener um die Untersuchung seines Falls. Der Staatsanwalt ist verwirrt - er beschließt kraft seines Amtes unangemeldet das Gefängnis aufzusuchen. Nach erheblichen Widerständen bekommt er Zugang zu dem Häftling und begreift im Verlauf des Gesprächs, dass der NKWD eine Organisation ist, die nicht nur Staatsfeinde vernichtet, sondern auch dessen Freunde, selbst glühendste Anhänger der sowjetischen Idee. Unter anderem erfährt er, dass Kornews Brief einer von Hunderten war - Schreiben von Inhaftierten an ihre Familien und an die Staatsanwaltschaft, die das Gefängnis nie verließen und direkt in den Ofen wanderten. Der erschütterte Kornew glaubt, dass es sich bei den Aktivitäten des NKWD um eine Verschwörung gegen die Sowjetmacht handelt, und beschließt, handstreichartig nach Moskau zu fahren und den obersten Generalstaatsanwalt der UdSSR aufzusuchen. Damit setzt er ein mächtiges Räderwerk in Gang...
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 16.05.2025
Rezensentin Katharina Granzin liest mit "Zwei Staatsanwälte" eines der wenigen nicht nur historisch, sondern auch "literarisch wertvollen Zeugnisse" des Straf- und Lagersystems in der Sowjetunion. Dass Demidow im Gegensatz zu vielen anderen seine Erfahrungen mit diesem System im Speziellen und mit dem stalinistischen Machtapparat im Allgemeinen literarisch verarbeiten konnte, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass er sie überlebte. Psychisch und physisch stark lädiert wurde er in den 50er Jahren nach vierzehn Jahren Lagerhaft entlassen, erzählt Granzin, und begann anschließend zu schreiben. In den 80ern wurden seine Manuskripte konfisziert und Demidow starb in der Überzeugung, sein literarisches Werk sei verloren. Dass nun bereits sein zweiter Roman auch in deutscher Übersetzung vorliegt, ist ein Glück, findet Granzin. Demidow schriebt hier über zwei Männer - den Opportunisten Wyschinski und den Idealisten Kornew - die sich an entgegen gesetzten Enden eines Spektrums bewegen, des Spektrums an Handlungsmöglichkeiten in einem totalitären System, erklärt die Rezensentin. Dass Kornew versagen muss, steht fest, und dennoch findet die Rezensentin in diesem Roman auch Hoffnung. Denn er erzählt auch von der unauslöschlichen Flamme des Widerstands, die selbst in den finstersten Zeiten irgendwo auf- und weiter flackert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 11.04.2025
Rezensent Jörg Plath liest mit Georgi Demindows "Zwei Staatsanwälte" einen, wie er findet, ziemlich misslungenen Roman mit einer tragischen Entstehungsgeschichte. Demidow, weiß Plath, war 1938 unter Stalin als sogenannter Konterrevolutionär zunächst in Lagerhaft und schließlich nach Sibirien geschickt worden. Dort begann er mit vom Frost verstümmelten Händen zu schreiben. Seine Texte wurden später vom KGB konfisziert und erst nach Demidows Tod von dessen Tochter aus den Archiven gerettet. Doch so wichtig, so erzählenswert und tragisch die reale Geschichte dieses Autors sein mag - Demidows Roman ist es leider nicht, findet der Rezensent. Seine Figuren wirken profillos, seine Erzählung enthält allerlei Redundanzen und ungelenke Erklärungen, von einer stringenten Handlung kann kaum die Rede sein und auch die Übersetzung sowie das Nachwort tun dem Text keinen Gefallen, so das vernichtende Urteil des Rezensenten.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.04.2025
Rezensent Maximilian Mengeringhaus hofft, dass Georgi Demidow, der 14 Jahre im Gulag verbrachte, mit diesem zweiten auf Deutsch zu lesenden Roman in Erinnerung kommt und bleibt. Die informativen Kommentare und Nachworte der Übersetzer Irina Rastorgueva und Thomas Martin verschaffen dem Rezensenten zusätzliche Einblicke in die Verhältnisse und die Praxis der Stalinistischen Säuberungen, die der Autor in seinem Roman dokumentarisch genau, aber laut Mengeringhaus durchaus mit Humor beschreibt: Ein tiefer Blick in die Abgründe des 20. Jahrhunderts, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.04.2025
Georgi Demidow ist in dem Glauben in der Lagerhaft gestorben, dass sein schriftstellerisches Werk vernichtet worden wäre. So kam es dann doch nicht, zum Glück, hält Rezensent Lothar Müller fest. Dieser "unvergessliche" Roman beginne mit einer detailreichen Erklärung, die den Terror der Sowjetzeit deutlich mache: Briefe aus den Gefängnissen wiesen alle eine ähnliche Handschrift auf - weil das Schreibwerkzeug so provisorisch war, dass eine individuelle Handschrift nicht mehr möglich war. Ein Brief jedoch, schildert Müller, mit Blut beschriftet, schafft es durch Zufall bis zum neu eingesetzten Staatsanwalt Kornew und führt dazu, dass auch dieser in die "Vernichtungsmaschine" des Staates hineingezogen wird, der beginnt, die stalinistischen Säuberungen zu hinterfragen. In klug übereinander blendender Erzählweise schildere Demidow, auch mit Bezug auf realhistorische Figuren, wie die stalinistische Machtsicherung über die Fälschung von Beweisen, erzwungene Geständnisse und Folter erfolgte und unliebsame Untergebene aus dem Weg geräumt wurden - am Ende ereilte dieses Schicksal nicht nur den Protagonisten, sondern auch Demidow selbst. Müller ist schwer beeindruckt von dieser Geschichte und lobt auch die Übersetzung und beigefügten Erläuterungen von Thomas Martin und Irina Rastorgueva.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2025
Der Physiker Georgi Demidow ist für Kritikerin Kerstin Holm einer der wichtigsten Lager-Autoren, umso froher ist sie, dass sich der Galiani-Verlag der Aufgabe angenommen hat, sein Werk auf Deutsch verfügbar zu machen. In diesem Roman ist der Protagonist ein junger Staatsanwalt, ein "heilig gläubiger Kommunist", erfahren wir, Ende der 1930er Jahre wird er ständig von seiner Arbeit abgehalten, das Gefängnis und dessen Bedingungen zu kontrollieren, zudem kommt es ihm komisch vor, dass die Häftlinge keinen Kontakt nach außen haben. Als er dann einen Freund sowie einen früheren Dozenten antreffe, versuche er sich bei dem berüchtigten Juristen Andrej Wyschinski zu beklagen - er realisiere bis zum Ende nicht, dass alles Absicht ist, und lande selbst im Arbeitslager, wo er auch zu Tode komme. Holm lobt neben der atemberaubenden Geschichte mit historischen Bezügen auch das hilfreich einordnende Nachwort der Übersetzer Thomas Martin und Irina Rastorgueva, deren Entscheidung, manche Ausdrücke der russischen Umgangssprache nachzuformen, erschwere zwar an einigen Stellen das Verständnis, sei aber doch sinnvoll. Sie ist froh, dass dieses Buch nun endlich auf Deutsch verfügbar ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.03.2025
Rezensent Paul Jandl empfiehlt die "schneidend scharfe" deutsche Fassung des parabolischen Romans von Georgi Demidow, der im Gulag inhaftiert war und dort sein Werk verfasste. Die kafkaesken Schilderungen über einen für Gerechtigkeit und gegen unmenschliche Bedingungen kämpfenden jungen Staatsanwalt unter dem Stalin-Regime erinnern ihn nicht von ungefähr an Putins Russland. Hoffnung und Glauben treiben den Helden an, so Jandl. Den Roman begleitet ein instruktives Nachwort, das die stalinistische Rechtssprechung erläutert, freut sich Jandl.