Die Beschützerin
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783103975215
Gebunden, 256 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Juli 2014: Trümmer und Leichenteile fallen nach dem Abschuss des Passagierflugzeugs MH-17 auf die ukrainische Landschaft des Donbass. Genau hier, unter der Erde, liegen Tausende Juden, die im Zweiten Weltkrieg ermordet und in Bergwerksstollen geworfen wurden. Und genau hier, zwischen all der Gewalt, lebt die junge Studentin Zhanna bei ihrer Mutter Marianna, der "Beschützerin", die dreißig Jahre lang Leiterin der Wäscherei war.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2026
Nicht rundum, aber weitgehend großartig ist dieser Roman, meint Rezensentin Daniela Strigl. Sergej Lebedew erzählt unter anderem von Marianna, die als Wäscherin in einer Zeche im Donbass gearbeitet und ihr Leben der Reinheit verschrieben hatte, jetzt aber an Krebs erkrankt ist. Es geht außerdem um vier weitere Figuren, die allesamt auf die eine oder andere Art mit Marianna zu tun haben, darunter ihre Tochter, ein alter Bekannter, der inzwischen im Dienst moskautreuer Separatisten steht, und ein General. Weiterhin spielt der russische Abschuss einer Boeing 777 im Juli 2014 eine Rolle - sowie deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg und andere historische Verbrechen im Donbass. Wie das alles miteinander zusammenhängt, wird aus Strigls Besprechung nicht so recht klar, es scheint sich jedenfalls um eine metaphernreiche historische Tiefenbohrung zu handeln, die in den Augen der Rezensentin gelegentlich etwas zu sehr ins unverbindlich Raunende abgleitet. Gleichwohl endet die Besprechung auf einer positiven Note - Strigl ist beeindruckt von diesem "Exorzismus der Menschenverachtung und Mordgier", und lobt auch Franziska Zwergs Übersetzung.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 09.10.2025
Sergej Lebedew lebt im deutschen Exil, weil seine Bücher in Russland für zu viel Aufruhr gesorgt haben, auch dieses hier widmet sich den "Tiefenschichten historischen Grauens", weiß Rezensent Wolfgang Schneider. Im Zentrum steht der Donbass, über dem 2014 das Passagierflugzeug MH-17 abgeschossen wird - eine Gegend, die getränkt ist von Blut und Verbrechen der Vergangenheit; ein alter Bergbauschacht dient als Massengrab für die Opfer der verschiedensten Regime, ein "Perpetuum Mobile des Grauens", meint Schneider. Der Roman wird von wechselnden Figuren erzählt, zwei Wäscherinnen, die sich gegen den Schmutz in mehrfachem Sinne wenden, ein Nachbar, der Vergewaltigungsfantasien hege, ein früherer General, der das Geschehene vertuschen soll, aber auch ein Toter, der die Geschichte des Schachts erzählt. "Beklemmend realistisch" schildert Lebedew Handlungen, die immer wieder auch ins schrecklich Fantastische rutschen und wendet sich mit aller Kraft gegen das Vergessen, was den Kritiker sehr beeindruckt und ihn manche metaphorische Überfrachtung verzeihen lässt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.09.2025
Der in Potsdam lebende russische Autor Sergej Lebedew widmet sich als Geologe oft Themen unterhalb der Erdoberfläche, hier allerdings dem Abschuss des Fluges MH17 2014 in der Ostukraine, der noch ganz andere Verbrechen offenbart, verrät Rezensentin Ilma Rakusa. In einem "beängstigenden Tableau der Gewalt" schreibt Lebedew von einer Bergbausiedlung, von der aus die Rakete abgeschossen wurde und wo sich ein stillgelegter Schacht befindet, in dem Opfer der Revolution, des Bürger- und des Weltkriegs und des Holocausts "mit Schweigen zugedeckt" sind. Erzählt wird die Handlung von einer Art Geist, der all diese Geschehnisse überblicken kann, so Rakusa, die Unglücksfälle im Bergwerk, von denen jeder dort Lebende betroffen ist, so auch die junge Shanna, die ihren Vater dadurch verloren hat, ihre Mutter stirbt an Krebs, ihr Verehrer Valet ist derjenige, der die Rakete in Abschussposition bringt. Schließlich tritt noch ein General auf, der bereits Verbrechen aus den Tschetschenienkriegen begangen hat. Für die Kritikerin ist dieses Buch eine "bildmächtige Parabel von Russlands gewalttätiger Geschichte - und Gegenwart".