Irina Scherbakowa

Der Schlüssel würde noch passen

Moskauer Erinnerungen
Cover: Der Schlüssel würde noch passen
Droemer Knaur Verlag, München 2025
ISBN 9783426446669
Gebunden, 328 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer. In ihren Moskauer Erinnerungen erzählt Irina Scherbakowa über die kurzen Jahre von Aufbruch und Freiheit in der Perestroika. In dieser Zeit gründete sie Memorial mit, die Menschenrechtsorganisation, die sich auch der Aufarbeitung des Stalinismus widmete. Erschütternd beschreibt sie das scheinbar unaufhaltsame Abgleiten von Russland in die Diktatur. Scherbakowa kann 2022 rechtzeitig nach Israel ausreisen. Doch Aufgeben ist keine Option: Memorial gründet sich nach der Liquidation in Berlin neu.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.12.2025

Rezensentin Renate Lachmann liest die Moskauer Erinnerungen der Aktivistin Irina Scherbakowa mit Spannung. Als Zeitdokument taugt das Buch mit seinem Stilmix aus persönlichen Erlebnissen, sowjetischer Geschichte und Faltendarstellung sehr gut, findet Lachmann. Die Rezensentin schätzt das "klare politische Urteil" der Autorin wie die Ordnung des Textes durch "Eckpunkte der Erinnerung", etwa die Geschichte der Menschenrechtsorganisation Memorial und ihrer Mitarbeiter. Was die Autorin zum Putins Geschichtsverständnis aufschreibt und wie sie ihre Erfahrungen mit der russischen Realität unter Putin schildert, erscheint Lachmann augenöffnend im Hinblick auf die jüngeren Entwicklungen. Das Porträt Navalnyjs im Band zeugt laut Lachmann von der tiefen Anteilnahme der Autorin an dessen Scicksal. Schließlich blickt die Autorin auf ihre ukrainische Herkunft zurück, für Lachmann ein bewegender Teil der Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 22.11.2025

Begeistert und berührt ist Rezensentin Catrin Stövesand angesichts Irina Scherbakowas Buch, eine "Berg- und Talfahrt" durch die russische Geschichte. Scherbakowa, die lange für die Menschenrechtsorganisation Memorial tätig war, geht darin der Frage nach, wie es nach der mit der Perestroika errungenen Freiheit zum Rückschritt in eine Putin-Diktatur kommen konnte. Es geht dann vor allem um die 90er Jahre und um Scherbakowas Erinnerungen an diese Aufbruchszeit, die sie mit einem "Kribbeln" erfüllte; um ihre damals eifrig angestellten Nachforschungen zum Stalinismus, als die Archive geöffnet waren, aber auch um eine Realität von Armut, Gewalt und Diebstahl, liest Stövesand. Und dann, von der Autorin auch als Versagen Gorbatschows eingeordnet, der langsame Rückfall in eine Romantisierung der Stalin-Ära, die sich auch im Schülerwettbewerb der Memorial niederschlug. Scherbakowa arbeitet mit vielen Zeitsprüngen, die der Leserschaft auch einiges abverlangen, warnt Stövesand; für sie wird das aber mehr als wettgemacht durch die sprachliche Klarheit, die "offenen Worte" und auch die persönliche Verletzlichkeit, mit der sich die Autorin ihrem Lebensthema hier widme - das schafft, staunt Stövesand, eine unvergleichliche "Nähe zur Zeitgeschichte", ohne sentimental zu werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2025

Interessiert bespricht Rezensentin Kerstin Holm Irina Scherbakowas Memoiren. Die Mitgründerin von Memorial blickt hier auf ein langes Leben zurück, das im Zeichen der Auseinandersetzung mit russischer beziehungsweise Moskauer Geschichte stand. Die Erinnerungen setzen in den 1990ern ein, als Forscherinnen wie  Scherbakowa plötzlich Zugang zu Archiven erhielten, während gleichzeitig der Raubtierkapitalismus viele in die Armut trieb und Gangsterbanden ihr Unwesen trieben, deren Gehabe, so Holm mit Scherbakowa, bald von Politikern der Marke Putin übernommen wurde. Um dessen Aufstieg geht es im Buch, auch Mitstreiterinnen wie die Dichterin Tatjana Bek oder der Historiker Juri Afansjew tauchen auf, wobei Scherbakowa letztlich doch vor allem über ihre Arbeit bei Memorial schreibt, die unter anderem der Bewahrung von Erinnerungen von Lagerinsassen gewidmet war und in Russland immer stärker unter Druck geriet, bis die Organisation 2021 verboten wurde. Das Buch beschäftigt sich laut Holm auch mit der Frage, warum Scherbakowas Versuch, Russland durch aufklärerische Aktivitäten zu verändern, gescheitert ist. Die Rezension hält sich mit wertenden Formulierungen zurück, insgesamt wird jedoch klar, dass Holm das Buch für eine lohnende Lektüre hält.

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