Aus dem Italienischen übersetzt und kommentiert von Fabien Vitali. Er "hasse Interviews", behauptete Pasolini. Umso erstaunlicher ist, wie viele er davon dem deutsch-jüdischen Filmjournalisten Gideon Bachmann (1927-2016) in den Jahren von 1963 bis 1975 dennoch einräumte. Vielleicht weil es sich nicht um klassische Interviews handelte? In der Tat sind die von Bachmann auf Ton aufgezeichneten und hier zum ersten Mal einheitlich in Textform veröffentlichten Begegnungen mit Pasolini einzigartig: Es sind Gespräche, ohne zwingenden Anlass und offenen Ausgangs. Das künstlerische und politische Werden Pasolinis, von seinen ersten Filmen (Accattone, Das 1. Evangelium Matthäus) bis zu den "Freibeuterjahren", seine Haltung zu den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen in Italien und Europa, sind hier nicht Gegenstand eines geordneten Diskurses. Die Bachmann-Gespräche nähern sich Pasolini über Umwege: in Form unbefangener Unterhaltungen, die umso reizvoller sind, als sie Eindrücke vermitteln vom Menschen Pasolini: von seinen Überzeugungen, seinen Unsicherheiten, seinen Widersprüchen, seiner Suche.
Rezensent Tim Caspar Boehme liest die Interviews von Gideon Bachmann mit dem Regisseur Pier Paolo Pasolini nach eigener Auskunft mit Gewinn - und das trotz einiger Irritationen: Zunächst ist da die leichte Überheblichkeit, mit der Bachmann seinem Gesprächspartner trotz mangelnder eigener Vorbereitung begegne: Anstatt Pasolini Raum zu geben, verliere sich Bachmann oft selbst in ausufernden Assoziationen, und die Redaktion habe hier nicht eingegriffen, stellt Boehme fest. Auch seiner Übersetzerin gegenüber verhalte sich Bachmann trotz mäßiger Italienischkenntnisse "sehr selbstbewusst", wundert Boehme sich. Alldem wirken aber ein kenntnisreiches und sich der Eigenart Bachmanns durchaus bewusstes Vorwort und viele Kommentare des Übersetzers Fabien Vitali entgegen, lobt Boehme: Sowohl biografische als auch historische Einordnungen, etwa über Bachmanns "Nomadenleben" oder die Situation Italiens zu Ende des Zweiten Weltkriegs, bereichern die Gespräche erheblich, sodass für den Kritiker schlussendlich trotz der streng genommen "dürftigen Qualität" der Interviews und kleinerer Fehler im Anmerkungsapparat der positive Eindruck überwiegt.
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