Als Gregor von Rezzori 1999 starb, hinterließ er ein Manuskript, an dem er die letzten 15 Jahre seines Lebens immer wieder gearbeitet hatte und dem er den Arbeitstitel "Kain" gab. Dieser unvollendete Roman erscheint nun posthum und rundet das Lebenswerk Rezzoris ab. Der Titel verweist auf Bezüge zum Roman "Der Tod meines Bruders Abel". In einem fiktiven Vorwort wird der nachgelassene Text als Mappe C des "Abel"-Romans bezeichnet, die unter mysteriösen Umständen vor dreißig Jahren verschwunden war und nun im Haus des ehemaligen Filmproduzenten und Verlegers Wohlfahrt aufgetaucht ist. Als Autor wird jener Aristides genannt, hinter dem sich schon im "Abel" der wirkliche oder fiktive Autor verbarg.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.05.2001
Stefan Dornuf verleiht seiner Begeisterung für Gregor von Rezzori deutlichen Ausdruck. 1998 verstarb der italienische Schriftsteller mit 83 Jahren. Kurz vor seinem Tod verkündete er seinen Freunden, eine Fortsetzung seines 1976 veröffentlichten Romans "Der Tod meines Bruders Abel" geschrieben zu haben, berichtet der Rezensent. Und die liegt nun auch auf Deutsch vor. Leider, bemängelt Dornuf, in einer zwar schönen, aber druckfehlerreichen Ausgabe. Und auch das Lektorat, schimpft der Rezensent, scheine keine Ahnung zu haben, worum es in "Kain" eigentlich gehe. Jedenfalls zeige das der Klappentext der Ausgabe. Und, so Dornuf, "Kain" lässt sich eigentlich nicht ohne "Abel" lesen, aber der Roman ist im Deutschen vergriffen. Abgesehen von dieser ausgiebigen Kritik an Verlag und Buchmarkt würdigt der Rezensent aber das Werk selbst. Mit narrativen Finten und komplexen Kompositionen, die Dornuf an die Erzähltechnik von Elias Canetti und Vladimir Nabokov erinnern, habe Rezzori ein Pandämonium des westdeutschen Wirtschaftswunders gezeichnet, neben dessen geballter Widerwärtigkeit dem Rezensenten Autoren wie Heinrich Böll oder Günter Grass als wahre Idylliker erscheinen.
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