In einer Zeit, in der jeder permanent sendet und auf Empfang ist, stellt die Fähigkeit zur Entnetzung eine der wichtigsten Bedingungen für die Selbstbehauptung und Selbstbestimmung des Individuums dar. Die allseits gesteigerte Kommunikation und Konnektivität erzeugt ein ebenfalls gesteigertes Bedürfnis nach kommunikativem Rückzug und Verzicht. Ob aus Verdruss über den Verfall des politischen Diskurses oder als Reaktion auf den Zwang zur permanenten Entblößung, ob aus Angst vor den auf Dauerüberwachung programmierten Medien des technologischen Habitats oder als Versuch der Rückgewinnung von Kontrolle über das aus den Fugen geratene eigene Mediennutzungsverhalten: Jeder braucht heute Taktiken der Entnetzung, um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters erfolgreich zu begegnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2020
Uwe Ebbinghaus geht es viel zu wenig trennscharf zu in Guido Zurstieges Ratgeber gegen den digitalen Kontrollverlust. Dass der Medienwissenschaftler erst seitenlang über Methoden und Grundlagen schreibt, nur um dann eher unwissenschaftlich, anekdotenreich und subjektiv kaum Substanzielles zum Thema runterzubeten, findet Ebbinghaus enttäuschend. Weder gelingt es dem Autor laut Rezensent, sein Thema begrifflich scharf zu fassen noch präsentiert er genug eigene, neue Gedanken und eigenständige Thesen. Dass der Autor auch anders kann, nämlich "sprachlich und gedanklich pointiert", erfährt Ebbinghaus im Kapitel "Rückzug in die Echokammer". Hier biete Zurstiege mutige Medienkritik in puncto digitale Nachrichtenfixiertheit.
Vera Linß zeigt sich enttäuscht von Guido Zurstieges Buch. Vom hochaktuellen Trend zur Entnetzung berichtet ihr der Medienwissenschaftler ohne über bekannte Strategien der Selbstbestimmung und -regulierung hinauszugelangen oder Zahlen und Studien zu benennen. Auch einen eigenen theoretischen Ansatz vermisst Linß. Die vom Autor aufgebotenen Allgemeinplätze und Alltagsgeschichten erweitern den Horizont der Rezensentin nicht, wichtige Fragen bleiben unbeantwortet. So fällt das Buch laut Linß "hinter die Debatte zurück".
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