"Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede." So steht es in "Dichtung und Wahrheit". Goethes Einsicht entsprechend präsentiert Hanjo Kesting seit vielen Jahren in den NDR-Sendereihen "Am Morgen vorgelesen" und "Am Abend vorgelesen" die großen Texte der Weltliteratur: von Moses und der Genesis bis zu Sigmund Freud, von der "Odyssee" bis zum "Ulysses". Die Lesungen werden sorgfältig kommentiert und ergänzt durch Essays über die Autoren und ihre Bücher, gleichsam als NACHLESE zum Vorgelesenen. Diese Essays, reich an inneren Bezügen, changieren zwischen Porträtskizze und Werkanalyse, aber in ihrer Summe handeln sie vom Glücksversprechen der Literatur, die immer aufs neue danach verlangt, gelesen und nachgelesen zu werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2001
Rezensent Walter Hinck macht den Leser darauf aufmerksam, dass die Auswahl der Dichter, die Kesting hier präsentiert, recht subjektiv ist: "Kein alter Kanon wird bestätigt und kein neuer proklamiert". Doch wenn man diese Tatsache akzeptiert, so lassen sich nach Meinung des Rezensenten doch einige Entdeckungen machen. So lese sich etwa das Leben des Daniel Dafoe in Kestings Darstellung ebenso "spannend" wie die Geschichte des Robinson Crusoe selbst, zumal Kesting auch den Einfluss Dafoes auf die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts aufzeigt. "An manchem Säulenheiligen" gehe Kesting zwar vorbei, findet der Rezensent (besonders bedauert er das Fehlen russischer Erzähler), und dass Kesting Hermann Melville als `Schriftsteller des Meeres` über Homer stellt, scheint Hinck denn doch etwas übertrieben. Doch insgesamt lobt er Kestings Essays als eine "Parade der Belesenheit", die nicht nur durch ihre gute Lesbarkeit besticht, sondern auch sehr zum Lesen der besprochenen Werke anregt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2000
"Sternstunden der Rundfunkkultur" nennt Martin Krumbholz die Schriftsteller-Portraits des NDR-Redakteurs Hanjo Kesting, die nun in Buchform gebündelt vorliegen. In siebzehn Aufsätzen widme er sich behutsam der Interpretation von Standardwerken und - Autoren der Moderne - von Melvilles "Moby Dick" bis zu Maupassant und Thomas Mann. Da die Beiträge ursprünglich für den Rundfunk entstanden sind - so ist jedenfalls anzunehmen, auch wenn es nicht explizit gesagt wird - , zitiert Kesting ausgiebig und anschaulich aus den behandelten Büchern. Zugleich rückt der Autor, wie Krumbholz uns wissen lässt, die Biografie oder vielmehr das Schicksal der Literaten in den Vordergrund, berichtet vom gewaltigen Absturz Maupassants in den Wahnsinn oder dass "Moby Dick" Melville beinahe in den finanziellen Ruin gestürzt hätte. "Respektbekundungen", schreibt Krumbholz recht altmodisch, vor geradezu "titanischen Lebensleistungen".
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