Hanno Millesi

Zur Zeit der Schneefälle

Roman
Cover: Zur Zeit der Schneefälle
Sonderzahl Verlag, Wien 2025
ISBN 9783854496724
Gebunden, 180 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Im Zentrum von Hanno Millesis Roman Zur Zeit der Schneefälle klafft ein Loch - eines, das auf unerklärliche Weise die Wand des Wohnzimmers des Protagonisten, Rainer, durchlässig werden lässt. Niemand scheint für seine Entstehung verantwortlich zu sein, auch kein Mitglied der auf der anderen Seite wohnenden Familie Nolde. Sämtliche Beteiligten zeigen sich vom plötzlichen Zerbröseln der gewohnten Barriere dermaßen verblüfft, dass ihnen erstmal nichts Besseres einfällt, als den Schaden zu kaschieren, anstatt etwas über seine Ursache herauszufinden oder ihn gar zu beheben. Mit dem fortschreitenden Verfall der Wohnzimmerwand wird auch der Zustand der Überforderung immer intensiver. Bald ist da im Grunde nur noch ein Loch, das Einblicke in beide Richtungen erlaubt. Was ehemals Privaträume waren, verwandelt sich in eine Art doppelte Stegreifbühne, auf der sich der Wunsch nach der vermissten Abgeschiedenheit mit dem komplizierten neuen Zustand eines Miteinander-Auskommens mischt. In der wechselseitigen Beobachtung spiegeln sich die Protagonist:innen samt all ihrer alltäglichen Bedürfnisse, Fehleinschätzungen und Unzulänglichkeiten, die mit viel Sinn für Situationskomik ausgekostet werden. War nicht vielleicht doch jemand nachts auf der 'anderen' Seite zugange, ist möglicherweise ein Liebhaber im Spiel oder sollten beide Seiten die Situation nicht sogar akzeptieren und künftig als WG leben?Mit dieser vermeintlich einzigen Abweichung vom Normalzustand - einer schwindenden Wand - erzeugt Hanno Millesi eine Erzählsituation, die wie nebenbei Einsichten in gegenwärtige gesellschaftliche Zustände ermöglicht. Rainer, der gerade eine Trennung hinter sich hat und sich beruflich eine Auszeit nimmt, versucht beständig, sich eine tragfähige Einschätzung seiner surrealen Gegenwart zu erhalten. Er tut dies, indem er anhand seines Nachrichtenkonsums die 'wirklichen' Probleme von den scheinbaren zu unterscheiden versucht. Die zunehmende Unfähigkeit, sich ein adäquates Bild der näheren Umgebung zu machen, wird so durch die unsichere Weltlage noch weiter irritiert, obwohl die wahren Bedrohungen denkbar weit entfernt anmuten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.03.2025

Die Grundidee, die Prämisse dieses Romans sozusagen, ist durchaus vielversprechend, stellt Rezensent Michael Eggers fest, erinnert sie doch an Klassiker des surrealistischen Erzählens wie Kafkas "Verwandlung" oder Bunuels "Würgeengel". Leider jedoch löst Millesi dieses Versprechen jedenfalls beim Rezensenten nicht ein. Wie bei Kafka und Bunuel wird auch hier Spannung weniger über den Plot generiert, als über die ungewöhnliche Konstellation, so Eggers: Ein Loch erscheint plötzlich und unerklärliche Weise in der Wand von Rainers Wohnzimmer zu dessen Nachbarn. Welchen Schwierigkeiten sich beide Parteien nun ausgesetzt fühlen, zu welcherlei Beobachtungen, Reflexionen und Fragen dieses neue Verhältnis führt, erzählt Millesi laut Rezensent in einem "elaborierten, psychologisch ausdifferenzierten" und fein ironischem Stil, lesen wir. So weit, so gut. Nur vermisst Eggers die Zuspitzung, irgendeine Form von Verschärfung. Ohne diese bleibt der Roman am Ende leider "belanglos", urteilt er.
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