Mit 50 literarischen Miniaturen und kurzen Erzählungen unternimmt Hanns-Josef Ortheil eine Reise an die Quelle seiner literarischen Arbeit: die Kunst der genauen Beobachtung und Wahrnehmung. Als Pate dient ihm der Aristoteles-Schüler Theophrast. Der wurde mit seinem kleinen Büchlein "Charaktere", 319 v. Chr. entstanden, zu einem bis heute gelesenen Meister der Porträtkunst. Wie Theophrast registriert Ortheil in seinem Umfeld typisch menschliche Eigenwilligkeiten: Kennt nicht jeder einen Enthusiasten, der sich in einen Rausch schwärmt - oder eine notorische Aber-Sagerin, mit der eine Diskussionen kein Ende findet? Den Sport-Fetischisten, der notfalls gegen sich selbst antritt - oder die Promovendin, die jede Kleinigkeit in alle denkbaren Teile zerlegen muss? Im Laufe des Buchs erweitert Ortheil die Porträt-Miniaturen zu eigenständigen kleinen Geschichten: Seine Charaktere spielen mit in jener großen 'Comédie humaine', die zwischen Leben und Literatur nicht unterscheidet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2022
Rezensent Alexander Kosenina hat keinen bleibenden Genuss an Hanns-Josef Ortheils Charakterzeichnungen. Den Rezensenten an Theophrast erinnernd, entwirft Ortheil zwar gekonnt wortspielerisch Typen wie die "Promovendin" oder die "Bestellfreudige", die Figuren und ihre Eigenschaften sind für Kosenina allerdings größtenteils absehbar. Ortheils humorige Porträtminiaturen erscheinen dem Rezensenten wie von Spitzweg inspiriert: handwerklich gediegen, aber nicht gerade feurig.
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