Im Sommer 1915 erscheinen in Kesslers Tagebuch unheimliche Bilder von menschenleeren Landschaften, immer wieder klingt die Vorstellung vom riesigen russischen "Märchenreich" an, in das die deutschen und österreichischen Truppen einmarschieren. Im Oktober und November 1915 folgen detaillierte Aufzeichnungen über den Verlauf der Schlacht um Czartorysk, eine Karte mit den Frontverläufen ist dem Band beigegeben. Im April 1916 wird Kessler an die Westfront versetzt, um dort bei Verdun an der wohl bekanntesten Schlacht des Ersten Weltkriegs teilzunehmen. Eindringlich schildert das Tagebuch die sinnlosen Kämpfe, die hohe Verluste an Mensch und Material forderten. Am 19. Mai 1916 fährt Kessler dienstlich nach Berlin und kehrt nie wieder an die Front zurück. In der biografischen Literatur zu Kessler hat es immer wieder Spekulationen um einen "gesundheitlichen Zusammenbruch" gegeben, die sich im Tagebuch allerdings nicht bestätigt finden.
Den "noblen roten Grafen" des achten Tagebuchbandes (1923-1926) von Harry Graf Kessler sucht Jan Süselbeck im jetzt erschienenen fünften Band (1914-1916) vergebens. Eher erinnern ihn Kesslers teils euphorische Notate zum "Augusterlebnis" von 1914 an Ernst Jünger. Auch Kessler hatte der Kriegswahnsinn erfasst, lernt Süselbeck hier. Seine Analysen und insbesondere seine Berichte von der Ostfront erscheinen dem Rezensenten insofern nicht nur für die Historiografie von Interesse zu sein. Zusammen mit Kesslers "kolonialem" Blick und seinen "hochfahrenden geopolitischen" Überlegungen ergeben sie für ihn ein "sensationelles mentalitätsgeschichtliches" Panorama, das bereits Charakteristika des späteren Vernichtungskriegs der Nazis zeigt. So bestürzend wie wichtig findet Süselbeck die mit dieser Tagebuchlektüre gewonnene Einsicht, dass selbst Intellektuelle wie Kessler der Verführung durch einen Eroberungskrieg erlegen waren.
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