Der Historiker Heiko Haumann beschreibt in 'Die Akte Zilli Reichmann' Lebenswelten und Kultur der Sinti anhand zahlreicher persönlicher Berichte. Auch Zilli Reichmann, die 1924 geboren wurde und Auschwitz überlebte, schilderte ihm ihre Erinnerungen. Am Beispiel ihrer Biografie beschreibt er den Alltag der Sinti und das Familienleben, aber auch die allgegenwärtige Diskriminierung, die polizeiliche Erfassung seit 1900 und die Verfolgung der Sinti während des Nationalsozialismus. Dabei entsteht auch ein umfassendes Bild von den Bedingungen und Beziehungen im "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau. Doch Heiko Haumann erzählt ebenso vom Fortwirken der Vorurteile nach 1945, vom langen Kampf um die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus und vom Prozess des Sesshaftwerdens. 60.000 Sinti leben heute in Deutschland, fast alle führen ein sesshaftes, geregeltes Leben - doch die lange Geschichte der Abwertung und Diskriminierung prägt ihre Träume, Ängste und Erwartungen bis heute.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2017
Andreas Wang liest die Leidensgeschichte der Zilli Reichmann von Heiko Haumann als Stigmatisierungsgeschichte und Zeugnis einer weiterhin bestehenden Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzungsbereitschaft. Die detailliert beschriebenen Lebens- und Sterbensbedingungen im berüchtigten "Zigeunerlager" von Auschwitz lassen Wang das Blut in den Adern gefrieren. Reichmann überlebte und konnte für den Autor zur Zeitzeugin werden, erklärt Wang. Das Ergebnis ist die anklagende Erinnerung an die verdrängte Geschichte der Sinti und den Fall Reichmann, meint er.
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