Mit seinem Meisterwerk "Geschichte des Westens" hat Heinrich August Winkler den aktuellen politischen Diskussionen eine unverzichtbare historische Grundlage gegeben. Dieser Band bündelt seine wichtigsten politischen Interventionen zu deutschen, europäischen und weltpolitischen Fragen. Wer ihn liest, der bekommt nicht nur eine Einführung in die dramatischen Konflikte und Auseinandersetzungen der letzten Jahre, sondern auch einen Leitfaden für politisches Denken. Ob Winkler die Feder eher kritisch, polemisch, sarkastisch oder ironisch spitzt - stets sind seine Zerreißproben Bravourstücke eines leidenschaftlichen Streiters für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte.
Ausführlich widmet sich Micha Brumlik den Essays des Historikers Heinrich August Winkler, an denen er erproben will, ob die Lehren aus Winklers großem Geschichtsnarrativ auch der Tagespolitik standhalten. Natürlich können sie das nicht immer und nicht komplett, aber oft genug habe Winkler als "treuer Gefolgsmann einer mittigen Sozialdemokratie" Recht behalten, wie Brumlik mild spöttelnd anerkennt. Allerdings macht der Rezensent auch Einwände geltend: Ein europäisches ausgerichtetes Deutschland verhindere keineswegs automatisch nationalstaatliche Rückfälle, wie Brumlik mit Verweis auf Wolfgang Schäubles Europolitik und Thomas Manns Warnungen vor dem gefühlt "angeborenen Kosmopolitismus" erklärt, der durchaus auch einen Anspruch auf Hegemonie begründen könne. Zudem fürchtet Brumlik, dass Winklers seinen "Westen" inzwischen weniger ideell, als vielmehr geostrategisch definiert. Und schließlich fragt er, ob eine postkoloniale Geschichtsperspektive der Frage des deutschen Sonderwegs nicht eine andere Facette hinzufügen könnten.
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